Vier Minuten im Glück
Martin Müller beim Training. Er kann viereinhalb Minuten unter Wasser bleiben. Auf Flossen verzichten die Taucher aber nicht.
Gerd Engelsmann
Martin Müller ist Apnoe-Taucher: Er geht ohne Sauerstoffflasche in die Tiefe. Und erlebt so seine ganz persönliche Freiheit
Vor drei Jahren auf Bali fing es an. Da tauchte Martin Müller mit einer schweren Pressluftflasche auf dem Rücken 20 Meter tief zu einem versunkenen Wrack. Plötzlich nahm er eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Zwei Meter unter ihm war ein anderer Taucher. Und Martin stutzte. Denn der andere hatte kein Atemgerät. Ganz ruhig sah der ihn an, grinste und tauchte dann im Delfinstil an die Oberfläche. Cool, fand Martin das damals. "Und ich mit meinen Stummelflossen und dem ganzen Gerödel."
Seitdem ist Apnoe-Tauchen, das Tauchen ohne Atemgerät, Martin Müllers größte Leidenschaft. "Einfach rein ins Wasser, abtauchen, glücklich sein." Martin trägt einen Drei-Tage-Bart. Er ist einer, der alles, was er erzählt, mit den Händen begleitet. An seinem Hals blitzt eine silberne Schwanzflosse an einer Kette. Zweimal in der Woche trainiert der 30-Jährige mit den Apnoe-Tauchern des Nordberliner Tauchvereins. Im Neoprenanzug sitzt er am Beckenrand in der Schwimmhalle und "bringt seinen Puls runter". Mit geschlossenen Augen sitzt er da, der Kopf sinkt auf die Brust, hin und wieder ein tiefer Atemzug.
Beim Training geht es darum, den Körper an einen erhöhten Kohlendioxidgehalt im Blut zu gewöhnen. Kohlendioxid entsteht, wenn Sauerstoff vom Körper verbraucht wird. Wenn man die Luft anhält, wird die Konzentration im Blut immer höher, bis Rezeptoren im Rückenmark den Atemreiz auslösen. Dagegen kämpfen die Apnoe-Taucher an. Sie versuchen den Körper zu überlisten. Denn beim normalen Atmen verbraucht man nicht den gesamten Sauerstoff in der Lunge. Das nutzen die Taucher aus.
Die Techniken dabei sind unterschiedlich. Manche hyperventilieren vor dem Tauchgang und senken so den Kohlendioxidgehalt im Blut. Bis die Hände anfangen zu kribbeln. Danach wird der Körper mit Sauerstoff "voll gepackt" und dann ist alles Kopfsache. Martin lässt sich im Wasser treiben. Unter Wasser schließt er die Augen und ist in seiner WG-Küche. Ruhig schüttet er Kaffeebohnen in die Mühle, spült den Kocher, füllt ihn mit Wasser. Jeden kleinen Schritt stellt er sich vor. Bis der Kaffee vor ihm steht, sind längst zwei Minuten vergangen.
Doch irgendwann beginnt Martin zu kämpfen. Sein Zwerchfell hebt und senkt sich ruckartig, sein Herz schlägt schnell. Nach vier Minuten und zehn Sekunden taucht er schwer atmend auf. Er grinst breit. Das war gut, sehr gut sogar, nur eine halbe Minute unter seiner persönlichen Bestleistung. Weltrekordler Herbert Nietsch aus Österreich schafft neun Minuten und vier Sekunden. Doch eigentlich geht es Martin nicht um Zeiten. Nicht um die Wettkämpfe. Es geht um Freiheit. Die eigenen Grenzen immer wieder zu überschreiten. Und um eine gewisse Coolness. Freiheit ist für Martin die Bewegung unter Wasser, ohne dabei das Blubbern des Tauchgerätes zu hören.
"Einmal habe ich mit einem Rochen gespielt", erzählt Martin, "und am besten ist die Totalreflexion. Wenn du mit dem Blick nach oben gerichtet in einem ganz bestimmten Winkel zur Wasseroberfläche tauchst, dann spiegelt sich auf einmal alles. Das ist großartig." Martin Müller arbeitet als Marketing Consultant. "Ein extremer Schreibtischjob. Außerdem futterst du die ganze Zeit", sagt er und zwickt sich in die Hüften. Er muss sich immer fit halten. Rennt den Berlin Marathon in vier Stunden. Yoga und Qi Gong helfen, dem psychischen Druck standzuhalten. Die spektakulärste Apnoe-Variante heißt "No-Limits". Ein Schlitten, ein motorbetriebenes Schwimmgerät, zieht den Taucher an einem Seil in die Tiefe. Der Weltrekord liegt bei 183 Metern. Dann gibt ein Ballon den nötigen Auftrieb auf dem Weg nach oben. In Deutschland gibt es für diese Extremdisziplin kaum Trainingsmöglichkeiten. Martin findet sie schlichtweg "zu scary", zu gruselig. Auch er taucht in die Tiefe. Aber nur so weit, wie ihn seine eigene Muskelkraft bringt.
Apnoe-Tauchen gehört laut Martin zu den sichersten Sportarten. Wer nicht innerhalb weniger Sekunden nach dem Auftauchen seine Tauchbrille abnimmt, die Finger zu einem O formt und deutlich sagt: "I'm okay", wird im Wettkampf disqualifiziert. Und doch gibt es immer wieder Unfälle, einige davon sind tödlich. Sie passieren meistens, wenn Taucher sich überschätzen oder allein trainieren. In Schweden setzte sich ein Apnoe-Taucher mit einem Bleigurt auf den Grund eines Pools. Als ihn nach 12 Minuten jemand fand, war Wiederbelebung bereits zwecklos.
Blackout beim Wettbewerb
Bei Martin Müllers erstem Blackout war es die Aufregung im Wettkampf. Als er wieder zu sich kam, lag er mit einer Sauerstoffmaske auf dem Gesicht am Beckenrand. Das war ein Schock für ihn. "Danach hatte ich erst mal die Schnauze voll", sagt Martin. Er ging dann aber doch wieder zum Training. Er nimmt auch wieder an Wettkämpfen teil, wie die Berliner Meisterschaft am 24. Februar. Im Dezember war er als Sicherheitstaucher bei der Apnoe-WM in Ägypten. Und irgendwann will er zurück zum Wrack vor Bali. Einmal ganz cool darum herumtauchen. Und dabei den schwerfälligen Tauchern zuwinken.
Mit Jean Reno in die Tiefe
Probetraining: Beim Nordberliner Tauchverein kann man ein Probetraining machen. Infos gibt Ingo Dönch unter der Telefonnummer 030/391 81 34.
Zur Einstimmung eignet sich der Film Im Rausch der Tiefe von Luc Besson. Jean Reno spielt einen Apnoe-Taucher, der ums Leben kommt.
Weitere Infos im Internet unter www.aida-deutschland.de.
Text: Anne Lena Mösken, Berliner Zeitung