Schnurstracks gen Himmel

Der Herbst ist die Zeit der Stürme und des Drangs, Drachen steigen zu lassen – auch mitten in der Großstadt: ein Einblick in die Szene der Berliner Drachenfans, ihre Motivation, Lieblingsplätze, Events – und warum der Mythos von der herbstlichen Drachenzeit ein Irrtum ist.

Carmens grüner Drachen knattert durch die Luft, schießt plötzlich pfeilartig nach oben, saust kurz darauf in die Tiefe, um dann wieder vom Wind beseelt seine Kreise zu ziehen. Die 31-Jährige ist eine von zig Menschen, die sich im Görlitzer Park vom bunten Treiben der farbigen Flugobjekte in den Bann ziehen lassen. Mit dabei: ihr siebenjähriger Sohn, den die junge Frau ebenfalls für Drachen begeistern will. "Damit ich endlich einen guten Grund habe, selbst wieder mal die Leine zu halten." Genüsslich jagen die beiden das grüne Gefährt durch die Luft, das entfernt an eine Schlange erinnert: ein lang gezogener Einleiner, der spiralenförmige Figuren in den Himmel malt.

Abgemähte Felder bieten Kindern ideale Startplätze. Daher der Mythos vom Herbst als Drachenzeit.

Bei Simon und Alex, einem frischverliebten Pärchen aus der elften Klasse, stehen beim Drachenvergnügen ganz andere Dinge im Vordergrund. Sie albern in kläglichen Versuchen mit einem Mickey-Maus-Drachen herum. "Den haben wir bei Karstadt gefunden und dachten, wir probieren es mal aus." Jedes Mal, wenn der behäbige und nicht wirklich flugfreudige Drachen wieder auf die Wiese klatscht, ziehen die beiden sich gegenseitig damit auf, dass der eine nicht gut genug hochgeworfen oder der andere nicht schnell genug die Leine gezogen hat.