Berlin in Second Life
Na toll. Die Stadt ist ganz neu, drei Wochen gibt es sie erst. Sie ist nicht mal fertig, eher eine große Baustelle, es existiert noch kein einziges Geschäft. Und trotzdem hat, wer die Stadt dieser Tage zum ersten Mal besucht, das erste große Ereignis schon verpasst.
Die Stadt heißt newBerlin und liegt im Second Life. Am 1. Mai soll es dort eine große Party gegeben haben. Auf dem virtuellen Alexanderplatz steht noch ein Panzer mit einem Flamingo auf dem Dach. Reste von der Mai-Party, erfährt man. Muss toll gewesen sein. Polizisten sollen mit Punks getanzt haben. Echt voll sei es gewesen.
Second Life heißt zweites Leben. Was es eigentlich ist, ist schwer zu sagen. Ein Internet-Spiel? Ein Chat mit Animationen? Eine Zeitverschwendungsmaschine? In der Eigenwerbung heißt es: "Second Life ist eine digitale 3 D-Welt, die von ihren Bewohnern erdacht und erschaffen wird und sich im Besitz der Bewohner befindet." Klingt nach Kommunismus 2.0. Tatsächlich scheint der Reiz für die Nutzer darin zu bestehen, sich gegenseitig virtuelle Waren zu verkaufen, dafür aber echtes Geld einzunehmen. Es sollen schon Leute sehr reich damit geworden sein.
newBerlin
Das soll bald auch in newBerlin möglich sein. Zwei Männer aus dem echten Berlin haben virtuelles Land bei Second Life reserviert und bauen die Stadt als 3 D-Animation nach. Zwar gibt es schon ein Second-Life-Berlin, aber dort liegt die East-Side-Gallery um die Ecke vom U-Bahnhof Mitte. Echt sieht das nicht aus - aber warum sollte eine Stadt in einer Fantasiewelt auch der Wirklichkeit entsprechen? Offenbar mögen das die Nutzer. Um einen Ort unter ihnen bekannt zu machen, muss dort jedenfalls etwas passieren, was sie anlockt. Deswegen die Mai-Party.
In diesem Moment - kurz nach dem 1. Mai - hält sich in newBerlin nur ein Avatar auf. So heißen die Figuren, mit denen sich die Nutzer bewegen. Der Avatar sitzt auf einer grünen Bank vor dem Fernsehturm und lässt sich auf ein Gespräch per Chat-Fenster ein. "Du bist aber 'ne ganz Frische, neu hier", erkennt er sofort.
Neu und erschöpft. Der Weg nach newBerlin ist zwar nicht weit, wenn man einen halbwegs neuen Computer und eine schnelle Internetverbindung hat. Aber er erfordert Geduld. Zunächst muss man sich einen Zugang anlegen. Wer sich im "sl", wie die Nutzer abkürzen, nur umsehen will, zahlt nichts. Man denkt sich einen Vornamen aus, der Nachname muss aus einer Liste gewählt werden. Will man Aabye heißen? Biedermann, Yifu oder Zenovka? Mit wem wird man dann sozusagen sl-verwandt sein?
Es folgt die Auswahl des Avatars. Man kann das zweite Leben bauchfrei und tief ausgeschnitten als "Nightclub female" oder mit Katzenohren als "Furry female" beginnen. Auf jeden Fall sollte man Englisch verstehen, die Bediensprache. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, außerdem ein Name, Geburtstag, Wohnort. Überprüft werden die Angaben nicht. Dann muss ein 30-MB-Programm heruntergeladen, installiert und die Firewall aus dem Weg geräumt werden. Wer ein solches Sicherungssystem hat, sollte wissen, wie man es umgeht - und die Angst vor Internet-Einbrüchen verdrängen. Dann kann man ins Second Life torkeln. Das richtige laufen oder fliegen klappt mit etwas Übung. Mehr als sechs Millionen Avatare soll es geben, erfährt man in einem Fenster. Die meisten sind offenbar lange verreist. In den letzten 60 Tagen waren 1,7 Millionen online. In diesem Moment sind 21 446 angemeldet.
Nach newBerlin gelangt man, in dem man mit "Search" danach sucht und auf "Teleport" klickt. Der Avatar landet vor dem Bahnhof Alexanderplatz, auf der Seite des Brunnens. Den gibt es aber nicht. Es gibt auf dieser Seite noch gar nichts. Dafür läuft Techno und im Bahnhof hängt Streetart statt Werbung. Alles ist menschen- oder besser: avatarleer. Auf der anderen Seite steht der Fernsehturm, und auf einer Bank sitzt ein einsamer, schwarz gekleideter Avatar. Er erzählt vom 1. Mai.
Er sei jeden Abend am Alex. Eigentlich lebt er in der Nähe von Köln. Im Real Life, hier "rl" abgekürzt. Kennt er Berlin? "Hier schon, real nicht." Was macht er hier so? "Ich rede mit dir." Ihm ist noch zu entlocken, dass es auch mehrere Kölns im Second Life gibt, keins davon aber so genau gemacht ist wie newBerlin. Später kommen noch ein paar Kumpels vorbei. Sie treffen sich oft am Alex. Im rl-Berlin waren sie alle noch nie. Aber sie würden gern mal hinfahren, sagen sie.
Der Weg ins zweite Leben
Systemanforderungen: Windows-PCs sollten mindestens mit Pentium III 800 Mhz, 256 MB RAM und Windows XP/2000 ausgestattet sein. Apple-Nutzer benötigen mindestens 1 Ghz G4, 512 MB RAM und das Betriebssystem MacOS 10.3.8.
Grafik und Netz: Eine 32-MB-Grafikkarte und Breitband-Internetanbindung (DSL, Kabel oder LAN) sind notwendig.
Firewall: Ist das Netzwerk geschützt, müssen Ports geöffnet werden. Hinweise dazu auf der Sl-Webseite.
Nützliche Webseiten
Zugang zu Second Life: www.secondlife.com
Portal mit vielen Tipps in Deutsch: www.slinside.de
Alles über newBerlin: www.sl-vertretung.de
Text: Wiebke Hollersen, Berliner Zeitung