- Berlin Aktuell
- Kino & Film
- Musik & Konzerte
- Clubs & Party
- Leben & Leute
- Orte & Videos
- Liebe & Dating
- THEMEN
- SERVICE
|
Heilig's Blechle
©colourbox.com
Zum Beten in den Automaten: Im "Gebetomat" in der Arminius-Markthalle gibt's heilige Worte auf Touchscreen-Druck. Wie es sich zwischen Käsetheke und Weinverkostung betet: Unsere Autorin Katrin Starke hat es ausprobiert.
In seinem knalligen Rot ist er nicht zu übersehen – der Automat in der frisch renovierten Arminius-Markthalle in Moabit. Wie ein Fotoautomat sieht er aus, und das war er in seinem ersten Leben auch mal. Bis ihn der Weddinger Künstler Oliver Sturm in die Finger bekam und ein "Gotteshaus im Mini-Format" aus ihm machte.
Einst Fotoautomat – heute religiöse Geistesblitze
Nur auf den ersten Blick erinnert der "Gebetomat" noch an seine frühere Bestimmung – mit dem harten, höhenverstellbaren Schemel und dem schweren Vorhang, der vor neugierigen Blicken schützt. Der Schlitz für den Geldeinwurf ist zugeklebt, die Zwiesprache mit Gott ist kostenlos. Die Glasscheibe in Augenhöhe, hinter der sich einst Kamera und Blitzlicht verbargen, ist zum Touchscreen umfunktioniert. Doch während sich der Kunde beim Fotoautomaten nur zwischen Einzelfoto und vier Passbildern entscheiden musste, kann der nach Ruhe und innerer Einkehr strebende Besucher nun zwischen 300 Gebeten wählen. In 65 Sprachen.
"Gotteshaus im Mini-Format": Im "Gebetomaten" können 300 Gebete abgerufen werden.
©Katrin Starke
Vaterunser auf Spanisch oder Russisch
Will er das Vaterunser auf Spanisch oder Russisch hören? Möchte er tibetanischen Mönchsgesängen oder amerikanischen Fernsehpredigern lauschen, Gebete von Schamanen aus Neu-Guinea kennenlernen? Oder vielleicht steht ihm der Sinn nach einem islamischen Freitagsgebet oder Fürbitten auf Plattdeutsch. Zur Auswahl stehen Gebete der fünf Weltreligionen Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus und Buddhismus. Dazu sind noch zahlreiche kleinere Glaubensrichtungen vertreten. Die Gebete vom Band sind authentisch. Einige hat Oliver Sturm bei Gottesdiensten selbst aufgenommen. Andere, insbesondere die historischen Aufnahmen wie das Gebet eines Missionars von 1908, hat er in Rundfunkarchiven aufgestöbert.
Die Markthändler beäugen das "Mini-Gotteshaus" skeptisch
Die Markthändler wissen nicht recht, was sie von dem ungeweihten Gotteshaus im Mini-Format halten sollen, zucken eher mit den Schultern. Die Kunden dagegen würden mit einer Mischung aus Neugier und Vergnügen auf die Einkehr-Kabine reagieren, meint Marktleiterin Bianca Staszewski. Als "witzige Idee" bewertet Ruth Wewer den Automaten. Die 58-jährige kommt regelmäßig zum Einkaufen in die Markthalle. Als sie "das rote Ding" zum ersten Mal sah, hat sie zwar einen Moment gezögert, dann aber doch ein paar Vaterunser-Versionen angeklickt. "Nur zum Spaß, zum Beten gehe ich lieber in die Kirche", meint die Katholikin.
Auswahl per Touchscreen: Die Zwiesprache mit Gott ist kostenlos.
©Katrin Starke
Beten zwischen Käsetheke und Weinverkostung
Melanie Brunken (24) gibt unumwunden zu, dass sie mit Religion "nicht so viel am Hut" hat. Ob sich Leute zwischen Einkauf an der Käsetheke und Weinverkostung wirklich Zeit zum Innehalten im Automaten nehmen, da hat sie ihre Zweifel. Aber dennoch: "Papst Benedikt singen zu hören, fand ich ganz spannend." Gebetomat-Erfinder Sturm hält es für einen "sehr zeitgenössischen Gedanken, mittels eines Automaten religiöses Gefühl zu erzeugen". Die Idee kam ihm schon 1999, als er in einem New Yorker U-Bahnhof einen Automaten an einer Wand entdeckte. Mit künstlicher Stimme habe das Gerät permanent einlullend monoton gesprochen. Vermutlich waren es Bedienungshinweise. "Da habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, wenn Gebete aus diesem Automaten kämen."
An verschiedenen Orten des öffentlichen Lebens sollte es eine Möglichkeit der Besinnung geben, vertritt Sturm. In Bahnhöfen, auf Flughäfen, in Kaufhäusern. Drei Gebet-Automaten hat der Künstler seit 2008 ausgestattet. Bislang machten die Geräte aber nur in Kultureinrichtungen Station. In Berlin beispielsweise in den Sophiensaelen oder im Radialsystem.
Text: Online-Magazin Berliner Akzente
|
|