Anders wohnen, anders leben

Barbara Dietl

Der Klassiker "Vater, Mutter, Kind" ist längst nicht mehr die einzige Form des Familienlebens. Und nicht nur Studenten leben in WGs. Über die bunte Vielfalt der Berliner Familien.

Männer-WG auf einer Fabriketage

Lange Jahre wohnte Stefan Dietzelt mit seiner Freundin zusammen. Als die Beziehung auseinander- ging, erwachte in ihm ein alter Traum: eine Fabriketage bewohnen. Gemeinsam mit seinem besten Freund Roman machte sich der Modedesigner auf die Suche. Sie entdeckten die 270-Quadratmeter -Etage in Prenzlauer Berg. Für beide war klar: die oder keine. "Also haben wir zwei gute Freundinnen überzeugt, mit uns dort einzuziehen." Mehr als elf Jahre ist das her. "Die Frauen haben sich irgendwann abgeseilt, geheiratet", sagt Stefan, 44, lachend. Stattdessen zogen zwei Freunde ein. "So wurden wir zur Männer-WG." Manchmal am Wochenende sei es ganz schön wuselig, wenn die Freundinnen zu Besuch seien. "Kann sein, dass wir das hier irgendwann mal auflösen." Aber missen möchte er die Erfahrung nicht.

Die klassische Vater-Mutter-Kinder-Familie wird um vielerlei Varianten bereichert. Barbara Dietl

Zwei Frauen und ein Mann: Familie zu dritt

Nach dem Feierabend in eine leere Wohnung zu kommen, kann sich Kerstin nicht vorstellen. Aber in einer Zweck-WG möchte die 44-jährige Oberärztin heute nicht mehr wohnen. "Das habe ich mal als Studentin gemacht." Dass sie mit Andrea und Leon zusammenlebt, ist eine bewusste Entscheidung. "Das sind Menschen, die mir wichtig sind", sagt sie, "das ist meine selbst gewählte Familie". Seit 15 Jahren lebt sie mit Andrea zusammen, viele Jahre waren die beiden Frauen ein Paar. Die Beziehung zerbrach. "Aber die Liebe ist ungebrochen", sagt die 48-jährige Steuerfachangestellte Andrea. Schnell stand fest: Die gemeinsame Schöneberger Altbauwohnung würden sie nicht aufgeben. "Wenn man sich als Paar trennt, heißt das doch nicht, dass einem die andere nicht mehr wichtig ist", sagt Kerstin.

So vielfältig wie die Stadt präsentieren sich auch die Lebensgemeinschaften in Berlin. Barbara Dietl

Beide Frauen verliebten sich neu. Kerstin in eine Frau, Andrea in einen Mann. Seit anderthalb Jahren sind Andrea und Leon, 42, nun zusammen, vor einem halben Jahr zog er mit in die Schöneberger Wohnung. Die beiden Frauen seien dort schon sehr präsent, stellt er fest. Es habe seine Zeit gedauert anzukommen. Inzwischen spricht auch Leon von Familie, wenn er von seiner Lebensgemeinschaft erzählt.