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Up in the Air
Meilen und mehr: In Jason Reitmans "Up in the Air" rät George Clooney, Kündigungen nicht persönlich zu nehmen
Der Mann hat einen ekligen Job: Ryan Bingham entlässt Mitarbeiter in Firmen, deren Manager zu feige sind, das selbst zu tun. "Nehmen Sie es nicht persönlich", rät er den Gekündigten, die ihm fassungslos gegenübersitzen. Nicht persönlich nehmen? Wie soll man nicht persönlich nehmen, was das ganze Leben verändert? Was den Alltag mit seinen Übereinkünften (welche Schule, welcher Sportclub, welcher Supermarkt .) wie ein Kartenhaus zusammenfallen lässt. Das Zuhause gefährdet, die Chancen der Kinder und vieles mehr zunichte macht. Die Gekündigten bleiben selten sachlich. Ryan überrascht das nicht. Er weiß genau, was er da tut. Er will anderen die Hölle erträglicher machen. Ihnen beibringen, keine Bindungen einzugehen.
Und er hat, wie alle Leute, so seine Theorien über das, was er tut. So bemüht er gern das Bild des Rucksacks für all jenes, was sich so im Laufe eines Leben ansammelt: nicht nur an Besitz, sondern auch an Gepflogenheiten. Natürlich propagiert Ryan die These, dass es sich mit leichtem Gepäck besser reist. Dass das Leben Unterwegssein bedeute. Dass dieser Jobverlust eine Chance sei auf Neues. Seine klangvolle Stimme beruhigt die frisch Gefeuerten zunächst. Und Ryan selbst reist ja auch mit leichtem Gepäck, genauer gesagt: einem Trolley, wenn er fast ständig im Land unterwegs ist, um Leute zu feuern. Sein Zuhause sind Flughäfen und Flugzeuge.
Ryan Bingham ist der seltsame Held in "Up in the Air" von Jason Reitman, einem Regisseur, dem alles zu gelingen scheint: ein Film über Lobbyismus ("Thank You for Smoking") ebenso wie einer über eine Teenager-Schwangerschaft ("Juno"). Und jetzt erzählt er in "Up in the Air" ungeheuer schwerelos von der Würde des Einzelnen und der Würde der Arbeit, davon, wie unsere hypermoderne Zeit unsere Arten zu kommunizieren prägt und damit auch unsere Beziehungen. Jason Reitmans neuer Film ist selbst "Up in the Air" - er scheint zu fliegen und aus großer, aber nicht unfreundlicher Distanz zu betrachten, was mit dem Menschen geschieht, wenn er sich identifiziert mit dem, was er tut. Und ganz zum flexiblen Funktionsträger wird.
Ryan Bingham dürfte der feuchte Traum eines jeden Konzernchefs sein: ein Musterbeispiel des globalen Nomadentums; weitgehend bindungslos und dadurch jederzeit überall einsetzbar. Als Spezialist für personelles Downsizing wird er in Krisenzeiten überall gebraucht. Er liebt Statussymbole und seine Privilegien als Vielflieger, all die Bonus-Karten der Airlines, Autovermietungen und Hotels, in denen er sich wohler fühlt als daheim (wo er höchstens 40 Tage des Jahres verbringt).
Aber letztlich ist auch Ryan ersetzbar. Diesen Eindruck muss er gewinnen, als ihm die smarte Absolventin einer Elite-Universität zur Seite gestellt wird. Natalie Keener (fabelhaft: die Newcomerin Anna Kendrick) hat ein Konzept entwickelt, wie auch die Firma, die für andere Firmen Leute entlässt, ihre Kosten senken könnte: durch das Einstellen der Reisetätigkeit. Sie nennt das "Glocal": Man könnte die Mitarbeiter der Auftragsfirmen schließlich auch mittels einer Videokonferenz entlassen; dazu muss man nicht vor Ort sein. Natalie propagiert also die nächsthöhere Stufe der Entfremdung in der Arbeitswelt. Aber da Ryan schrecklich gern unterwegs ist, nimmt er Natalie erstmal lieber mit. Angeblich soll sie den Betrieb von der Pike auf lernen. Tatsächlich kann sie unter seiner Aufsicht zunächst weniger anrichten.
Die ersten Bilder des Films zeigen Bingham beim Einchecken als einen Mann, der es genießt, ein gut geöltes Rädchen im Getriebe zu sein. Natürlich trägt Ryan keine Schnürschuhe, sondern Slipper, die sich bei den Sicherheitskontrollen schnell abstreifen und wieder anziehen lassen. Nie stellt er sich hinter alten Leuten in die Schlange ("Zu viel Metall im Körper, das piept!"); er wählt vielmehr Asiaten ("Die sind effizient, haben kein unnützes Zeug in den Taschen."). Natalie findet das rassistisch. Ryan sagt, nach Stereotypen zu entscheiden, gehe schneller.
Aber Jason Reitmann ist eben nicht der Ansicht, dass Stereotypen so viel Macht haben sollten. Und so bringt er seine Protagonisten in Situationen, in denen sie die Grenzen ihrer Identität als Funktionsträger schmerzlich spüren. Bald wird man Natalie heulen sehen, nachdem sich ihr Verlobter per SMS verabschiedet hat aus der gemeinsamen Zukunft. Und auch Ryan wird sich darüber klar, dass in ihm ein ebenso unkalkulierbares wie unzerstörbares Restbedürfnis nach menschlicher Nähe und Zuwendung ruht.
Jason Reitman führt alle seine Figuren, nicht nur Ryan und Natalie, auf das zurück, was bleibt, wenn die Masken fallen: ihren menschlichen, kreatürlichen Kern. Wir sind fragil, bedürftig, sogar abhängig, sagt Reitman jr. mit seinem Film. Und wer das vergisst oder leugnet, gibt etwas Wertvolles auf: Wahrheit. Die bewegendsten Szenen dieses Films sind jene, in denen George Clooney als Ryan immer wieder Leuten gegenübersitzt, die gerade ihre Kündigung erhalten haben. Kein "Rucksack"- oder "Chancen"-Euphemismus kann verschleiern, worum es da geht: oft genug um Leben und Tod. Dass man so viel lachen kann in diesem Film, ist das eigentlich Irritierende. Wenn "Up in the Air" heute bei den Oscars nominiert wird, ist das nur recht und billig.
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Up in the Air
USA 2009. 110 Minuten, Farbe. FSK ohne Angabe.
Regie: Jason Reitman
Drehbuch: Sheldon Turner, Jason Reitman, nach der Buchvorlage von Walter Kirn
Kamera: Eric Steelberg
Darsteller: George Clooney (Ryan Bingham), Vera Farmiga (Alex Goran), Anna Kendrick (Natalie Keener), Danny McBride (Jim), Jason Bateman (Craig Gregory), Melanie Lynskey (Julie Bingham)
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Text: Anke Westphal, BLZ
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