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Nine
Frauen pflastern seinen Weg. "Nine" von Rob Marshall: ein Musicalfilm über Schreibblockaden - nach Fellinis "8 1/2"
Immer will irgendwer irgendwas von mir! So könnte man das Dilemma des Guido Contini benennen. Produzenten wollen ein Script und einen Drehplan von dem Regisseur, das Publikum verlangt nach Filmen, und die Frauen möchten klafterweise Beachtung: die demutsvolle Ehefrau, die obsessive Geliebte, die ebenfalls auf den Geliebten-Status aspirierende Journalistin und die stets in ein Mondlichtschimmern gehüllte Muse.
Weitere Frauen seines Lebens gehen Guido auch ziemlich auf die Nerven. Mal real, mal in seinen Tagträumen (nachts schläft ein echter Künstler selbstverständlich nicht) erscheinen ihm eine resolute Kostümbildnerin und la mamma - an deren Hand Guido zum Fünfjährigen zurückschrumpft -, um ihm gute Ratschläge zu geben: Rauch nicht so viel, pass auf dich auf und dergleichen. "Be Italian", sei italienisch, empfiehlt zwischendrin eine römische Prostituierte (gespielt von Stacy Ferguson alias Fergie von den Black Eyed Peas), die Guido einst - wir schalten um zu Schwarz-Weiß - die Grundlagen des Verführertums beigebracht hat. Sie singt wie alle, die hier auf den Plan treten: Mit "Nine" hat Rob Marshall nach "Chicago" (2002) wieder ein Broadway-Musical verfilmt, entlang der Vorlage von Federico Fellinis selbstreferentiellem "8 1/2"-Film (1963), der gewissermaßen die mediterrane Begründung für Schreibblockaden lieferte: wenn Frauen einen auch immer so ablenken müssen!
Zu allem Überfluss heißt außerdem das Werk, das unserem armen Contini (Daniel Day-Lewis) nicht gedeihen will, "Italia". Es geht kaum italienischer oder auch italophiler als mit dieser Ausgangssituation, die sich in einer vagen Visualisierung der Sechzigerjahre in den Kulissen von Cinecittà entspinnt: Von den Pappversionen römischer Wahrzeichen steigen in sexy sizilianischem Witwenschwarz die sieben Frauen herab, jeder Schritt ist so gemessen perfekt wie selbstbewusst gesetzt und wird begleitet von einem hohen, körperlosen Guido-Säuseln. Für solche Szenen, um eine zeitgemäße Plattitüde zu bemühen, werden Filme gemacht: für die brillante Illusion. Für den überwältigenden Gesamteindruck und für die sich in Anbetungshaltung den Gesichtern nähernde Kamera - diese Nahsicht hat das an sich ja viel handfestere Musical nicht zu bieten. Und ebenso wenig den genüsslich voyeuristischen Blick über Penélope Cruz' Körper, diese Kurvenfahrt über Korsetthügel und Strapspfade. Cruz, mit getuffter Haarmähne und viel Chichi à la Claudia Cardinale zurechtgemacht, spielt Continis Geliebte - und führt sich mit einer überaus geschmeidigen Nachtclubnummer in "Nine" ein.
"Nine" war für fünf Golden Globes nominiert, ging allerdings leer aus, für die Oscar-Verleihung Anfang März gibt es vier Nominierungen. Die Besetzung vereint mit Daniel Day-Lewis, Penélope Cruz, Marion Cotillard (Continis Gattin), Nicole Kidman (die Muse), Judi Dench (als Schneiderin und Vertraute) und Sophia Loren (die Mutter) sechs Oscar-Gewinner und eine Oscar-Nominierte (Kate Hudson als Vogue-Reporterin). Überhaupt scheint für diese Musical-Verfilmung ganz Hollywood vorgesprochen zu haben: George Clooney, Johnny Depp und Antonio Banderas (der die Bühnenrolle bereits 2003, beim Broadway-Revival, gespielt hatte) waren im Gespräch als Guido, Javier Bardem sollte es werden und musste dann doch absagen. Schließlich ist es Daniel Day-Lewis geworden, der während einer fünfjährigen Kinoabstinenz immerhin eine Lehre bei einem Maßschuhmacher in Italien absolviert hat. Catherine Zeta-Jones, Demi Moore und Juliette Binoche sprachen vor für den Part der ätherischen Kino-Diva Claudia Jenssen, welcher passenderweise an Nicole Kidman ging. Für die restlichen Rollen bewarben sich unter anderem Katie Holmes, Anne Hathaway und Sienna Miller.
Vielleicht ist es letztendlich dieses Schaulaufen der Stars, das dem Film nicht bekommt. Sie alle machen ihre Sache fabelhaft, aber jeder kämpft für sich allein, um dem Zuschauer sein Gesangs- und Tanztalent zu offenbaren - und deshalb zerfällt der Film in einzelne Auftritte; "Nine" ist wie eine Abfolge perfekter, wie magnetisch aufgeladener Video-Clips; von Kate Hudsons "Cinema Italiano", einem schmissigen Showstopper mit Bongogetrommel, bis hin zu Judi Denchs klassisch rustikaler "Folies Bergère"-Schwärmerei. Doch auch bei Dench hält sich Rob Marshall nur vorübergehend mit so etwas wie Charakterfeinzeichnung auf, löst sich vom Abziehbild seiner Frauentypisierungen. Die Ausnahme bildet die natürlich wundervoll singende Marion Cotillard als vernachlässigte Signora Contini, in deren zermürbtem Kopfneigen existenzielle Gram Platz findet. Andere backen Brot und haben Familien, singt sie dazu. Mein Mann macht - Filme.
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Nine
USA 2009, 118 Minuten, Farbe
Regie: Rob Marshall
Drehbuch: Michael Tolkin & Anthony Minghella
Choreografie: Rob Marshall & John Deluca
Musik & Songs Maury Yeston
Kostüme: Colleen Atwood
Darsteller: Daniel Day-Lewis, Penélope Cruz, Marion Cotillard, Nicole Kidman, Judi Dench, Sophia Loren, Kate Hudson, Stacy Ferguson
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Text: Carmen Böker, BLZ
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