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Ein russischer Sommer
Letzter Bahnhof für die Liebe. Ein wunderbarer Film über die Ehe der Tolstois - und viel mehr: "Ein russischer Sommer"
Manche Menschen wollen ihre Familie beglücken, andere gleich die ganze Welt. Dass man erstere Spießer nennt und letztere Idealisten, zählt zu den großen Ungerechtigkeiten dieser Welt. Denn es ist selbstredend sehr viel komplizierter, auf die Bedürfnisse und Wünsche einzelner Menschen einzugehen, die einem - ob man das nun will oder nicht - nahe kommen, als utopische Programme aufzustellen für abstrakt bleibende Gruppen. Aber natürlich fühlen sich beide im Recht: Familien- wie Menschheitsbeglücker. Und wenn beide es grundsätzlich miteinander zu tun bekommen, dann spricht man von einem Drama.
Ein solches muss, glaubt man der Legende, die Ehe von Leo Tolstoi (1828-1910) und Sofia Tolstaja gewesen sein. Er war der weltberühmte russische Dichter aristokratischer Abkunft, der sich aus sozialreformerischen Motiven der Besitzlosigkeit verpflichtet fühlte. Das führte unter anderem dazu, dass er sich von seinem Hauptjünger Chertkov die Rechte für seine Werke abschwatzen ließ, um diese "dem russischen Volke" zu übereignen - kein Verleger sollte sich an Tolstois Werk bereichern können. Sie hingegen war eine treusorgende Gattin und als Mutter seiner dreizehn Kinder (von denen nur wenige überlebten) vornehmlich daran interessiert, deren Erbe, also die materielle Existenz der Nachfahren, zu sichern. Das führte wohl zu ständigem Streit, weswegen Sofia Tolstaja in der Überlieferung lange als böse Xanthippe galt, die dem gütigen und so viel weitblickenderen Leo das Leben schwer machte.
Michael Hoffmans Spielfilm "Ein russischer Sommer" betreibt nun auf sehr kluge und für alle Beteiligten gerechte Weise eine Art Ehrenrettung dieser Frau, deren Ehe mit dem Dichter 48 Jahre währte - bis dieser die Flucht antrat vor all den unheiligen Konflikten daheim. Im Original trägt der Film den Titel "The Last Station", weil hier an Tolstois letzter Lebensstation vor seinem Tod, dem Bahnhof Astapovo, eine Art Zusammenführung der feindlichen Parteien vorgenommen wird. Es ist ein überaus dramatisches Finale, in dessen Verlauf einige der Beteiligten erkennen, wie viel Zeit sie doch damit vergeudet haben, Recht behalten zu wollen und die sogenannten Guten zu sein.
Die ersten Szenen von "Ein russischer Sommer" führen ins Jahr 1910 und nach Jasnaja Poljana, auf das idyllische Landgut des Grafenpaares Tolstoi. Sofia (Helen Mirren) will mit Leo (Christopher Plummer) kuscheln, doch der schnarcht vor sich hin. Dann trifft der neue Privatsekretär des Dichters ein und gerät gleich mitten in den menschheitspolitisch bedeutsamen Ehekonflikt. Bulgakov (James McAvoy) soll nämlich nicht nur für Sofia spitzeln, sondern auch für Chertkov (Paul Giamatti), der sich für Leos einzig autorisierten Sachwalter hält. Dabei ist Chertkov nur einer jener Ideen-Bürokraten, die weniger der Sache dienen wollen als vielmehr einem Personenkult, den sie selbst definieren.
Michael Hoffman präsentiert uns die Tolstois in seinem Film als ein prominentes Paar, über das in den Zeitungen berichtet wird. Reporter und Fotografen belagern Jasnaja Poljana, um sowohl die Kommune-Aspekte der ländlicher Gemeinschaft als auch den aktuellen Stand des Ehekonflikts immer gleich medial zu bezeugen. Ein heiter-ironischer Ton grundiert die Plänkeleien zwischen Birkenwäldchen, Weiher und Pferdefuhrwerken, und mittendrin feilt ein herzlicher Greis an einem Manifest gegen die zaristische Regierung: "Reichtum korrumpiert!" Leo Tolstoi fragt sich nicht, ob Armut per se zu moralischer Überlegenheit verhilft.
Diese philosophische Ungenauigkeit hat Michael Hoffmans Regie genau im Blick, wenn sie nicht allein Szenen einer Ehe, sondern auch Prozesse der Idolisierung erforscht. Nicht wenige Anhänger Tolstois glaubten, dass Gott durch diesen Dichter spräche und Tolstoi daher ein Prophet sei. Die Tolstojaner galten mitunter sogar als Sekte. Sofia hat längst begriffen, dass ihr diese Erhöhung den Gatten geraubt hat und dass sie nicht mehr zählt. Mit ihrer schlichten Liebe zur Natur und zur Schönheit ist sie sehr einsam inmitten von lauter Menschheitsbeglückern - eine tragische Figur. Es ist nun mal sehr schwer, Ideen zu umarmen.
Der auf Hawaii geborene Michael Hoffman ist nur zu bewundern für die substanzielle Leichtigkeit, mit der er einen Erfolgsroman von Jay Parini adaptiert hat und in nur 120 Minuten ganze Komplexe verhandelt: etwa das Verhältnis von bürgerlicher und alternativer Existenz, Pragmatismus und Idealismus, Gefühl und Pathos, Idol und Anhängern, aber auch die Beziehung zwischen Mann und Frau, Vater und Kindern, Jugend und Alter, Kunst und Leben. Man sitzt in diesem Film und staunt nur so über das dichte Netz aus Bezügen und Zusammenhängen, das sich im Zusammenklang von Inszenierungskunst und Schauspielerleistungen ergibt. Die Liebe an sich als auch die zu den Ideen scheitert letztlich an Rivalitäten. Dass viele davon unnötig sind und einige gefährlich werden können, das hat uns Michael Hoffman vor Augen geführt.
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Ein russischer Sommer (The Last Station)
Dtl./Russl. 2009, 112 Minuten, Farbe, FSK ab 6
Drehbuch & Regie: Michael Hoffman
Kamera: Sebastian Edschmid
Darsteller: Christopher Plummer, Helen Mirren, James McAvoy u.a.
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Text: Anke Westphal, BLZ
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