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Ein Prophet
Vom Analphabeten zum Drogen-Don: Von der Macht des Wissens im Gefängnis erzählt der französische Spielfilm "Ein Prophet"
Der junge Mann kann seinen Fragebogen bei der Einlieferung ins Gefängnis nicht ausfüllen. Er ist Analphabet, kaum fähig, seinen Namen zu schreiben. Aber nicht nur des Schriftlichen ist er nicht mächtig, er besitzt auch so nichts, was ihn als Person erkennbar macht. Keine Freunde, kein Geld, keine Familie, keine Religion, keine Geschichte, keine Ausbildung. Auch die Frage nach besonderen Kenntnissen verneint er. Malik (Tahar Rahim) geht ins Gefängnis als ein Niemand mit einer frischen Schorfwunde im Gesicht und unzähligen alten Narben auf dem Rücken. Sechs Jahre Haft wegen eines brutalen Angriffs auf einen Polizisten. Das sind sechs Jahre, in denen Malik allmählich sichtbar und mächtig wird.
Der französische Regisseur Jacques Audiard erzählt mit seinem fünften Film wieder eine Geschichte über das Lernen. Wie in "Der wilde Schlag meines Herzens", der 2005 im Wettbewerb der Berlinale lief, zeigt auch "Ein Prophet", dass jemand, der etwas lernen will, im Scheitern an seinem ursprünglichen Ziel etwas Anderes lernt. Bei Malik ist es die Ausübung von Macht. Im Gefängnis hat er den perfekten Lehrmeister darin: den korsischen Paten César, mit stoischer Kälte gespielt von Niels Arestrup. Gleich zu Beginn verlangt César ein Kapitalverbrechen von Malik: den Mord an einem Rivalen, der in einem anderen Trakt einsitzt.
Das Handwerk des Tötens zeigt Audiard als widerwärtigen Kraftakt, gefolgt von Ekel und Erschöpfung. Es ist eine Bluttat, buchstäblich, der Getötete wird Malik als Vision begleiten. Nachdem César den jungen Mann zum Mörder gemacht hat, nutzt er ihn als Haussklaven für sich und seine Mafia-Kumpane. Dafür stellt er Malik unter seinen Schutz. Er könnte sein Vater sein, aber er ist nichts weniger als das. Das Verhältnis der beiden zueinander ist das zwischen Herrn und Knecht. "Ohne mich bist du nichts", sagt César. Für die arabischen Gefangenen ist der Junge mit dem maghrebinischen Namen nun ein Korse, für die Korsen bleibt er der Araber, einer von denen, die "mit den Eiern denken".
Während des Hofgangs markieren die Gruppen ihre Reviere. Malik steht erst bei den Korsen, dann sitzt er neben César auf der Bank; am Ende steht César allein und wird von Maliks arabischen Freunden geschlagen. "Ein Prophet" ist ein Gefängnisfilm, einerseits, aber Audiard lädt das Genre mit der Frage nach dem Wesen von Identität auf. Malik wird in seiner Anpassungsfähigkeit zum perfekten Doppelagenten. Er lernt, indem er zuhört und beobachtet, zuerst die Sprache der Korsen, dann wie man Drogengeschäfte vom Gefängnis aus steuert. Während César den jungen Musterschüler später als Freigänger für seine Machenschaften zu benutzen glaubt, baut Malik draußen eine eigenes Imperium auf. Der Meister hat einen Schüler gefunden, der ihn überflügelt. Er verzichtet darauf, ihn zu töten, obwohl er sich das einst geschworen hat. Denn César hat in seiner Selbstgefälligkeit nicht erkannt, dass so ein Wechselbad aus Demütigung und Gnade jemanden wie Malik nicht zum ewigen Lakaien macht. Was er lernt, nutzt er auch. Auch darin ist er ein Talent.
Es gibt keinen Moment, in dem die Figur des Malik zur Identifikation einlädt, nicht einmal, als er das Kind seines todkranken Kumpels im Arm hält. Sein Gesicht zeigt kaum eine Regung; einmal lächelt er, als er eine Schießerei überlebt. Wieder ist es nicht sein Blut, das an ihm klebt. Fühlt er sich erinnert an die unverwundbaren Helden des Kinos?
Das Gefängnis als hohe Schule der Kriminalität - das ist ein altes Bild. In Jacques Audiards Film erlangt es neue Brisanz. Niemand kommt von einem solchen Ort als friedvoller Mensch zurück. Audiard, der als Nachfolger von Regisseuren wie Julien Duvivier, Jean-Pierre Melville oder auch Henri-Georges Clouzot gilt, zeigt das Gefängnis als schwach beleuchtetes Verließ, in dem es keine Orientierung gibt. Die Haut der Männer spricht von schlechter Nahrung und Mangel an Licht. Wenn es schneit, recken sie die Arme aus den Fenstern mit Betonverstrebung. Der Staat hat sich längst zurückgezogen aus diesen Anstalten. Banden regieren hier, korrupte Justizangestellte stehen ihnen zu Diensten. In Jacques Audiards Film ist das Gefängnis eine totale Institution, ein Ort der absoluten Entpersönlichung. Dass Malik gerade hier jemand werden kann, ist eine Parabel auf die Überlebensfähigkeit des instinktiven Menschen. Der Mitgefangene, der ihm das Lesen und die Literatur nahe bringen will, ist sein erstes Opfer.
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Ein Prophet (Un prophète)
Frankreich 2009; 149 Minuten, Farbe, FSK ab 12
Regie: Jacques Audiard, nach einer Idee von Abdel Raouf Dafri
Drehbuch: Thomas Bidegain, Jacques Audiard
Kamera: Stéphane Fontaine
Darsteller: Tahar Rahim, Niels Arestrup, Adel Bencherif u.a.
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Text: Christina Bylow, BLZ
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