Boxhagener Platz

Oma Otti und der Osten: Matti Geschonnecks Film "Boxhagener Platz" blickt zärtlich zurück

Nazis und Kommunisten - der Boxhagener Platz hat sie alle überlebt. So wie Oma Otti ihre Männer. Menschen werden alt und sterben. Plätze verändern sich nur. Wenn sie aber plötzlich aussehen wie neu, kann das eine Katastrophe bedeuten. Matti Geschonneck zum Beispiel hätte "Boxhagener Platz" sicher gern an Ort und Stelle gedreht, wo er in den 1960er-Jahren lebte - das ist eben die Zeit, in welcher der Drehbuchautor Torsten Schulz seinen dem Film zugrunde liegenden Roman angesiedelt hat. Doch inzwischen ist die Sanierraupe einmal um den Platz geschlichen, und aus dem, was einst nach Kiez roch, wurde eine beliebte Wohnlage im neuen Ausgeh-Bezirk Friedrichshain. Die Eckkneipe "Feuermelder", die im Buch sowie Film und vielleicht auch für die ganze Unternehmung das Alibi liefert, gibt es noch. Doch da würde sich keine der Figuren von damals mehr hineintrauen. Und die unverwüstliche Otti, wenn sie tatsächlich noch lebte, wäre auch nicht mehr hier.

Das ist jetzt viel gejammert, dabei sind wir doch zum Lachen hier. Es geht aber noch weiter. Als Folge der Quartiersaufwertung wurde dieser Film in den Babelsberger Studios sowie in Halle realisiert, weshalb der Berliner Osten nun viel kleiner aussieht. Der Titel markiert also eine Leerstelle. Das schmerzt. Ganz ohne Wehmut kann man aber auch sagen: Manche Geschichten gibt es, allein der historischen Kapriolen wegen, nur in Ostberlin.

Nostalgie und Lokalpatriotismus sind also die Zutaten für diesen Kiez-Schwank aus dem Jahr 1968, in dem es weltgeschichtlich ohnehin schon drunter und drüber geht. Die Russen marschieren durch Prag, die Westberliner Studenten über den Kudamm, und der Mann von Oma Otti (fabelhaft: Gudrun Ritter) liegt im Sterben. Es ist schon ihr sechster, und wie immer stehen die Verehrer bereits Schlange. Wer darf ran an ihre allseits beliebte deftige Küche? Der Fisch-Winkler (Horst Krause) darf gerade mal den Karpfen beisteuern, denn der ist ein Alt-Nazi. Der Alt-Spartakist Karl (Michael Gwisdek) hat das revolutionäre Feuer, das zündet schon eher. Beobachtet wird das alles von Oma Ottis Enkel Holger (Samuel Schneider), der staunend registriert, wie es plötzlich Flugblätter vom Himmel regnet ("Russen raus aus Prag!") und wie der linksradikale Totalitarismuskritiker Karl - Nazis und Kommunisten: alles eine Suppe! - in doppelten Verdacht gerät. Es gibt nämlich einen Mord. Der Fisch-Winkler wurde erschlagen. Wer immer an Otti Interesse hatte und noch wenigstens röcheln kann, war natürlich im "Feuermelder".

Zur All-Star-Besetzung gehören hier noch Jürgen Vogel und Meret Becker als Holgers Eltern, aber sie spielen - er als braver Vopo, sie mit starkem Drang nach Westen - in einem anderen Film. Geschonnecks gedämpfte Ironie - die Berliner Version des Volkstümlichen - ist bei dem gewohnt knorrigen Gwisdek doch besser aufgehoben. Der vielfach ausgezeichnete Fernsehregisseur Matti Geschonneck trifft den richtigen Ton, das ist gar keine Frage. Zur flotten Überzeichnung oder gar zur Ostalgie scheint er geradezu unfähig. Interessant ist diese Liebeserklärung an einen Kiez aber vielmehr als schönes Stück vergessener Alltagsgeschichte. Gezeigt werden die frühmittleren Jahre der DDR als jene Zeit, in der es noch "Alt-Nazis" gab wie im Westen und die wuchtigen Vorkriegsmöbel noch nicht durch Plaste und Sperrholz ersetzt waren.

Aber Nostalgie ist im Film nun mal keine Frage von Geschichte oder Interieur, sondern von Kameraeinstellungen. Auch sie fallen - Liebeserklärungen macht man aus der Nähe - klein aus. Weshalb Vergleiche mit der Defa oder auch den Filmen von Andreas Dresen, der ebenfalls für diese Romanadaption angefragt war, doch fehl gehen. Über die gemütliche Kinderperspektive, die der gesamtdeutschen Gegenwartskomödie auffällig gleicht, kann oder will Matti Geschonnecks "Heimatfilm" nicht hinaus. Seine wahreren Momente hat er ausgerechnet auf dem Friedhof, der hier im Wortsinne als Platzhalter fungiert. Wo Karl und Oma Otti ihre Verflossenen gießen und er ihr ein Buch von Friederike Kempner schenkt mit dem poetischen Titel "Das scheintote Kind". Hier öffnet sich der Stadtraum und lässt Platz für jene größeren Empfindungen, die allem Menschlichen zugrunde liegen, der Liebe zur Heimat genau so wie dem Lachen darüber.

------------------------------

Boxhagener Platz


Dtl. 2009; 102 Min., Farbe

Regie: Matti Geschonneck

Drehbuch: Torsten Schulz

Kamera: Martin Langer

Darsteller: Samuel Schneider, Gudrun Ritter, Michael Gwisdek, Horst Krause, Jürgen Vogel u. a.

------------------------------

Text: Philipp Bühler, BLZ