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Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen
Der Irre mit der Knarre. Großartig und überraschend: Werner Herzogs Thriller "Bad Lieutenant" mit Nicolas Cage als Cop
So ungefähr das Letzte, was man von dem Regisseur Werner Herzog erwartet hätte, ist ein Polizeithriller. Auf der eingehegten Spielwiese des Genres ironische Blümchen zu pflücken, das wäre ihm bislang vermutlich nicht kraftvoll, nicht gewaltsam und nicht spirituell genug gewesen auf seiner Suche nach filmischen Erfahrungsdokumenten jenseits aller Konventionen. Dass nun aus der geradezu tänzerischen Vermittlung zwischen den Genre-Regeln und der eigenen Besessenheit am Ende ein so besonderer und erstaunlicher Film wie "Bad Lieutenant" hervorgehen konnte, ist ein Grund, sich verwundert die Augen zu reiben. Denn bei aller Anerkennung der Eigenheiten dieses Regisseurs: Zugetraut hätte man ihm das wohl nicht.
Die Geschichte: Während des Hurrikans Katrina rettet der Cop Terence McDonagh (Nicholas Cage) einen Häftling mit einem riskanten Sprung vor dem Tod durch Ertrinken. Das verschafft ihm einerseits die Beförderung zum Lieutenant, andererseits eine inoperable Rückenverletzung. Er muss Schmerzmittel nehmen und gewöhnt sich schnell an härteres Zeug, das er sich aus der Asservatenkammer seines Polizeireviers beschafft. Als dort schärfere Kontrollen eingeführt werden, stört er wehrlose Pärchen beim Knutschen auf, um ihnen Kokain und Gras abzuknöpfen. Wo immer er ein leckeres Päckchen findet - und sei es en passant bei irgendwelchen Einsätzen -, greift er zu.
Auch in dem Mordfall an einer schwarzen Familie, den McDonagh aufklären soll, geht es um Drogen. Frisch befördert, leitet er die Untersuchungen mit großer Klappe, aber eher schleppendem Erfolg. Er vermischt Beruf und Privatleben in unzulässiger Weise, bekommt Ärger mit den Kunden seiner Freundin (Eva Mendes), die als Edelnutte anschafft, und am Ende geht ihm sogar der einzige Zeuge verloren. Eindringlich, aber zuweilen auch überaus komisch zeigt der Film, wie Terence McDonagh langsam, aber sicher die Kontrolle über sein Leben verliert: Da nimmt er seinem Vater den Hund ab, damit der zur Suchtberatung gehen kann, weiß aber nicht, wohin mit dem Vieh - also parkt er ihn im Appartement seiner Freundin, wo die ihre Kunden empfängt. Sie hat auch nicht immer Zeit, mit dem Hund Gassi zu gehen.
Herzogs "Bad Lieutenant" basiert auf dem gleichnamigen Film von Abel Ferrara: Damals, im Jahr 1992, spielte Harvey Keitel einen wild gewordenen Cop in einer wild gewordenen Welt. In Werner Herzogs Regie dagegen ist die Welt eine farblose, gedrückte Ödnis unter dem ständig gewittrigen Himmel von New Orleans. Herzog verzichtet darauf, das Elend bunt auszumalen, es teilt sich mit jeder Einstellung der flach bebauten, unbelebten, ungepflegten Straßen ohnehin mit: Dies müssen wohl jene berühmten Häuser sein, die von ihren Käufern nicht mehr abbezahlt werden konnten. Werner Herzog, der in den vergangenen Jahren immer wieder auch Dokumentarfilme gedreht hat, gewinnt aus diesen kaputten Stadtlandschaften ein dokumentarischen Moment. Er zeigt den heillosen Zustand eines Gemeinwesens, in dem eine grassierende Apathie für den Wert von Öffentlichkeit mindestens ebenso verheerend gewirkt hat wie der Hurrikan Katrina.
Diese Welt muss für Herzog das größte Unglück sein: Sie ist entzaubert, leblos, langweilig; sie liegt unmittelbar vor der Haustür. Das scheint für ihn ein größerer Skandal zu sein als jene Verbrechen, Idiotien und Übergriffe, die sich sein Bad Lieutenant am laufenden Band leistet. Terence McDonaghs Drogenkonsum malt die Welt bunt. Der Stress wird lustig, und wenn da plötzlich ein paar Reptilien über den Tisch kriechen, ist das doch besser, als wenn da nur der Tisch stünde - ganz egal, ob Terence gerade der Einzige ist, der diese seltsamen Tiere sehen kann. Nicholas Cage spielt diesen Dauerbedröhnten nicht als Schmerzensmann, sondern als manisch-depressiven Irren, der die Knarre immer sichtbar im Hosenbund trägt und sofort damit zu fuchteln beginnt, wenn ihm etwas nicht in den Kram passt - so eindrucksvoll unreguliert hat man Cage zuletzt vielleicht als Alkoholiker in "Leaving Las Vegas" gesehen.
Nicht zuletzt ist dieser "Bad Lieutenant" erstaunlich in der Art, wie Werner Herzog - der angeblich nur zwei, drei Filme im Jahr sieht und bislang wenig Neigung zum Genre zeigte - mit dem Vokabular des Polizeithrillers umgeht. Wie er Tempo macht, wie er Action-Szenen auflöst, wie er die Szenerien fotografiert - das alles ist stets nah an den Vorbildern, hat aber doch immer einen eigenen Charakter. Wunderlich verbinden sich die Klischees vom heruntergekommenen Cop mit Herzogs Interesse, diesem Charakter bis in die letzten Windungen und Widersprüche zu folgen. Als alle Handlungsstränge schnurstracks Richtung Abgrund weisen, mündet der Film gewaltsam in ein forciertes Happy End - mit dem sich der Regisseur souverän vom Genre distanziert.
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Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen (Bad Lieutenant: Port of Call - New Orleans)
USA 2009, 122 Minuten, Farbe, FSK ab 16
Regie: Werner Herzog
Drehbuch: William Finkelstein, nach der Buchvorlage von Victor Argo, Paul Calderon, Abel Ferrara
Kamera: Peter Zeitlinger
Darsteller: Nicholas Cage, Val Kilmer, Eva Mendes, Alvin "Xzibit" Joiner u. a.
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Text: Peter Uehling, BLZ
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