Ajami

Unsere Gesetze, eure Gesetze: "Ajami", ein arabisch-israelischer Film glaubt nicht an Wirklichkeit, nur an Perspektiven

Die helle Stimme des Jungen verkündet Unheil. Nasri (gespielt von Fouad Habash) teilt in dem Film "Ajami" als kindliche Kassandra das Schicksal seines antiken Vorbilds: Niemand hört auf seine Prophezeiungen, ohnmächtig muss er dem Lauf der Dinge zusehen. Als er am Ende doch in das Geschehen eingreift, hat das fatale Folgen. Der Film beginnt, wie er endet - mit dem Mord an einem Kind, welches Opfer einer Verwechslung wird.

Nicht ihm galten die tödlichen Schüsse von einem vorbeifahrenden Motorrad aus, sondern dem 19-jährigen Omar (Shahir Kabaha), einem arabischen Moslem, der mit der Mutter, dem Großvater und den jüngeren Geschwistern in Jaffas arabischem Viertel Ajami lebt. Ein Onkel von ihm hatte zuvor einen Mann angeschossen, der zu einem einflussreichen arabischen Clan gehört. Nun will der Clan Vergeltung, die Familie Omars ist in Lebensgefahr. Statt die Polizei zu holen, wie es in einer modernen Gesellschaft üblich wäre, sucht Omar, beraten von einem christlichen arabischen Patriarchen, die Vermittlung eines islamischen Richters. Die Familie soll zahlen, sonst wird man sie töten. Das ist so einfach wie verhängnisvoll. Denn das Geld ist nicht da. Wie realitätsnah eine solche Ausgangslage tatsächlich ist, spielt keine Rolle. Sie funktioniert für diesen Film. Er zeigt eine Welt, in der nichts durchschaubar ist und übergeordnete Gesetze nicht gelten. Hier gibt es keinen Spielraum für Omar, wie auch für niemanden sonst.

"Ajami" ist bevölkert von Ausgelieferten und Getriebenen, gleichgültig wie alt und welcher Herkunft sie sind. Niemand in diesem Film passt in die Schablonen westlicher Psychologie; hier gibt es kein handelndes Individuum, keinen Helden, der sich an Konflikten entwickelt oder scheitert. Die beiden israelischen Regisseure Scandar Copti und Yaron Shani stürzen ihre Figuren in eine Aussichtlosigkeit, in der sie blindlings agieren. So etwas kann mühsam anzusehen sein - "Ajami" aber ist zwei Stunden hochgespanntes, intensives Kino. Und das hat nicht allein mit dem Schauplatz zu tun. Ajami ist ein heruntergekommenes Viertel von Jaffa, ein Mikrokosmos sozialer Spaltung. Die Lage der arabischen Einwohner ist oft desolat; sie leben im Vorraum der Verdrängung, eine Folge des Immobilienmarkts und einer fragwürdigen Rechtslage. Der Film "Ajami" will all das nicht erklären noch eine disparate Gemeinschaft abbilden: Er konstruiert eine eigene Kinorealität, die der Außenwelt wenig Raum gibt. "Ajami" lenkt den Blick immer wieder auf Innenräume, auf die alltäglichen Gesten des Zusammenlebens. Das Viertel gleicht einem Haus, in dem - bis auf einen Grenzgänger, den Copti selbst spielt - keiner die Wohnung des Anderen kennt. Die Figuren sind dadurch keineswegs geschützt. Ihr Tunnelblick auf die Realität hat tödliche Folgen.

Der arabische Christ Copti und der Jude Shani verstehen sich nicht als Sendboten der Empathie. Weil sie dem Kino keine allzu große Macht zusprechen, nutzen sie es auch nicht als Instrument der Suggestion. Dem Film kommt ihre Bescheidenheit zugute. Sie gestalteten, was ihnen zugetragen wurde: Lebenssplitter, Trauer, hoffnungslose Liebe, Wut. Aber auch eine Wärme, die sich in jeder der vielen Berührungen zeigt. "Ajami" entstand aus einem fortgesetzten Psychodrama, das die Regisseure mit Bewohnern des Viertels über viele Jahre hin inszeniert haben. Wer seine Darsteller so ernst nimmt, wird am Ende mit einer Wahrhaftigkeit belohnt, die einzigartig ist.

Darüber hinaus aber ist "Ajami" ein vielschichtig erzählter Thriller. Copti und Shani blättern ihre Geschichte als Drama in acht Kapiteln auf; in der Mitte angelangt, blättern sie wieder ein Stück zurück und erzählen dasselbe Geschehen aus der Sicht einer anderen Figur noch einmal anders. Die Kamera heftet sich an die Figuren, folgt ihnen in die Behausungen, in Busse, die Checkpoints passieren, nimmt beiläufig ein Stück der Mauer auf. Die Totale fehlt fast gänzlich - sie verspricht einen Überblick und eine Distanz, über die hier keine der Figuren verfügt. Auch die Regisseure nicht. Für Copti ist Wirklichkeit eine Frage der Perspektive. Man kann das bequem finden, vielleicht sogar zynisch. Angesichts einer chaotischen Realität ist es immer noch maßvoller als zu behaupten: Die Perspektive bin ich.

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Ajami


Israel/Dtl. 2009; 120 Min., Farbe, FSK ab 16

Drehbuch, Regie und Schnitt: Scandar Copti, Yaron Shani

Kamera: Boaz Yehonatan Yacov

Darsteller: Shahir Kabaha, Ibrahim Frege u.a.

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Text: Christina Bylow, BLZ