DJ-Portrait: Ian Pooley
Mit Gefühl: Ian Pooley gilt manchen als zu seicht. Doch die Clubs sind voll, wenn er spielt, international und auch in Berlin.
Cabrio, Bikini, Himbeereis: Ian Pooley legt weltweit auf. Seit kurzem lebt er in Berlin, für das er eigentlich zu poppig ist
Ian Pinnekamp hat kleine, müde Augen. Er war lange feiern in der Nacht, mit Freunden im Arena Club. Es macht ihm Spaß, das Ausgehen in Berlin. "Vielleicht hätte ich schon früher herkommen sollen", sagt der Mainzer, der als House-DJ Ian Pooley weltbekannt wurde und erst vor kurzem nach Berlin gezogen ist. Ausgerechnet in die Stadt, in der seine Auftritte am rarsten sind. "Die Berliner haben ein Problem mit mir", sagt Pooley.
In Berlin herrscht der Minimal-Sound: Oskar Melzer, Ricardo Villalobos, Phonique, Ellen Allien. Puristen, die für Musik ohne Umwege stehen, sehr reduziert und hart. Ein Sound, clean und cool, aber ohne Sex und Soul. "Es gibt viele Gute hier", sagt Pooley. "Aber oft wird nur ein Sound verfolgt. Das ist mir zu einfach, da fehlt mir der Groove."
Pooleys Markenzeichen ist, dass er brasilianische Rhythmen mit basslastigem Deephouse verquirlt, Funk zu Techno mischt und souligen Gesang darüber legt.
Manch einem ist er deshalb zu poppig. Aber sein Album "Since then" (2000) gilt als eines der besten im Genre und Pooley als House-Visionär mit Hitgespür. Er produzierte und remixte für Daft Punk, The Cardigans, Green Velvet, A-ha oder Sven Väth.
Die Liste der Städte, die zu seiner Musik tanzten, ist lang: Tokio, New York, Sydney, Hongkong, Rio, Auckland, London und etliche mehr.
Mindestens hundert Tage im Jahr ist er unterwegs. Pooley, der Reisende. Vielleicht hat er es deshalb so lange in Mainz ausgehalten. "Mainz hat mich geerdet", sagt Ian. "Am Schluss fast bis zum Stillstand." Er fühlte sich satt, uninspiriert. Zeit für Berlin.
Pooleys Musik klingt, wie sich der Sommer anfühlt.
Warm, sandig, sexy. Sie ist Cabrio, Bikini, Himbeereis und Knutschen. Bei seinen Auftritten im Nitsa in Barcelona sehen die Mädchen aus, als kämen sie gerade vom Strand. Passend zu seiner Musik, die verspielt, melodisch und leicht daherkommt. Seine Musik ist nicht cool, aber auch in Berlin ein Garant für lange Schlangen vor den Clubs. Ob im Sternradio oder im Watergate, wenn er auflegt, ist es immer brechend voll. Pooley will öfter in seiner neuen Heimatstadt spielen, bald schon. Wann und wo, verrät er noch nicht. Auch in sein neues Album, an dem er in seinem Studio am Arkonaplatz bastelt, lässt er niemanden reinhören.
Ian Pooley weiß, dass er neben seinem Talent auch viel Glück gehabt hat.
Er weiß, dass er kein "normales Leben" führt, wie es sich sein Vater, ein Jurist, für ihn gewünscht hätte. Er ist das einzige von vier Kindern, das Abitur gemacht hat. "Ich hätte auch Medizin studieren können", sagt er. Aber schon mit 13, als er anfängt mit Thomas Gerlach alias DJ Tonka an Beats zu schrauben, ist klar: Es muss irgendetwas mit Musik sein. Die beiden produzieren Detroit Techno, ihre Helden heißen Derrick May, Jeff Mills, Kevin Saunderson. Pooley verbringt Stunden in Plattenläden wie dem Boys in Frankfurt, hier knüpft er Kontakte zu dem Plattenlabel Forc Inc., auf dem 1996 sein erstes Album "The Times" erscheint. Es folgen "Meridian" (1998), "Since then" (2000) und "Souvenirs" (2004), das er in Auckland in Neuseeland produziert. Dort hat er sich ein Ferienhaus am Meer gemietet. Dort ist er ein Superstar.
Pooley reist noch immer gern, aber mittlerweile will er nicht länger weg sein als nötig.
Er hasst Flughäfen, Hotelzimmer, die alle gleich aussehen. Die Schlaflosigkeit vor dem Auftritt, das Warten, bis der Veranstalter ihn abholt. Er stützt den Kopf auf die Hände, sein Blick schweift ab, wenn er davon erzählt. Man denkt an den Film "Lost in Translation" und stellt sich Pooley vor, wie er melancholisch in einem Hotelzimmer in Tokio sitzt. Wie hält er das aus, all die Jahre, das Reisen und wenig schlafen? "Ich habe nie Drogen genommen", sagt er.
Und er braucht Ruhephasen zu Hause. Das ist für Pooley nun in Kreuzberg. Mit 33 Jahren wohnt er mit zwei Jack Russel Terriern im eigenen Loft. Modern mit viel Glas, cremefarbenen Sofas, offener Küche, hellem Parkett, warmen Licht. Es ist aufgeräumt, genau wie in seinem Saab. Und wenn er erzählt, dass er mittags gerne im Treptower Park joggen geht und auch schon an Kinder denkt, wirkt er sehr bodenständig und erwachsen, fast ein bisschen konservativ - wäre da nicht seine Frau Iva.
Die 29-jährige Kroatin aus Zagreb wirkt wie sein Motor. Wie die Inspiration für das Verspielte in seiner Musik. Keines seiner Alben klingt so nach Verliebtsein wie "Since then", da waren sie gerade ein halbes Jahr zusammen. Seit 2003 sind sie verheiratet. Iva sieht aus wie eine dunkelhaarige Vanessa Paradis, und wenn Ian die Worte fehlen, sprudelt Iva. Sie hüpft dann zwischen Englisch und Deutsch hin und her, redet schnell, mit flinken Händen und großen Augen. Während er versucht zu erklären, warum er Berlin aufregend findet, reicht ein Blick in ihr strahlendes Gesicht. Um zu wissen, wie froh sie ist, hier zu sein. "Ich bin ein Großstadttyp", sagt die Modedesignerin. Wie sie es aushält mit einem DJ, der so viel weg ist? "Ich komme oft mit", sagt sie und beginnt von Los Angeles zu erzählen. Pooley lehnt sich zurück und sieht seiner Frau zu, wie sie ihm die Show stiehlt. Es gefällt ihm. Er ist angekommen.
|