DJ-Portrait: Cassy Britton

Cassy

Der Sonne entgegen: Cassy Britton legt in der Panoramabar im Berghain auf, dem wildesten Club Berlins

Sonntagmorgen halb acht, Catherine Britton macht sich auf den Weg zur Arbeit. Hübsch sieht sie aus, mit den dunklen Locken, dem grauen Shirt mit Puffärmeln. Sie könnte auf dem Weg zu einem Job im Modeladen sein. Cassy Britton, 33, aber wird gleich in Rauch- und Energy-Drink-geschwängerte Luft eintauchen. Sie wird Menschen treffen, die seit Stunden tanzen und lange nicht genug haben.

Sie ist DJ und ihr Arbeitsplatz ist die Panoramabar im Berghain, dem wildesten Club Berlins.

Ein Ort der kollektiven Ekstase. Berghain ist das Synonym für die Afterhour, das Abtauchen, das drei Tage zu einem schrumpfen lässt. Morgens um neun ist dort keiner mehr nüchtern. Wer frisch aus dem Bett dazu stößt, fühlt sich ein wenig an Terry Gilliams Drogen-Road-Movie "Fear and Loa-thing in Las Vegas" erinnert. Manchmal brauche sie einen Schnaps vor der Arbeit, sagt Cassy. "Die Zeiten, in denen ich selber Tage durchgerockt habe, sind vorbei." Heute lässt sie tanzen. Sie stellt sich hinter die Decks und legt unaufgeregt treibenden Minimal-House auf. Er ist klar nach vorne heraus, ohne Ecken und viel Tam Tam. Cassy arbeitet mit DJ Naughty, Dave the Hustler, Luciano, Ricardo Villalobos oder Steve Bug, alles Künstler aus dem Techno- und Minimalbereich.

Die gebürtige Britin ist in Wien aufgewachsen, nur manchmal hört man das noch. In Österreich geht sie auf ein Internat, lernt Gitarre spielen, hört Tschaikowski, Spandau Ballet, Massive Attack, Goldie und Roni Size. Sie legt sich musikalisch nicht fest, aber es ist der Elektro, der sie nicht loslässt. Sie geht in Wiener Clubs wie den Volksgarten, das Flex, die Meierei. 1999 lernt sie den Produzenten und DJ Alex Müller, alias DJ Elin oder Auto Repeat, kennen und singt auf dem gemeinsamen Song "Music Takes Me Higher". Auch Susanne Kirchmayr, Techno-DJ der ersten Stunde und Gründerin von Female Pressure, einer Plattform für weibliche DJs und Produzentinnen, trifft sie. "Ich bin auf ihre Gigs mitgekommen. Irgendwann überzeugte sie mich, selbst aufzulegen", sagt Cassy. Mit Dave the Hustler beginnt sie später zu produzieren. Das Handwerk der elektronischen Musik zu erkunden sei wie eine neue Sprache lernen. Eine neue Welt, in der man sich Stunden verlieren könne.

Ein geregeltes Arbeitsleben kann sich Cassy nicht vorstellen. Von Wien zieht sie nach London und studiert Schauspiel. Sie merkt, dass sie nicht die Schauspielerin wird, die sie gern wäre. Und sie will gut sein in dem was sie tut. London ist außerdem aufregend, aber viel zu teuer für eine Schauspielerin ohne Engagement. 2003 zieht Cassy nach Berlin und verliebt sich in die Stadt ohne Sperrstunde. Hier treffe alles zusammen, was sie interessiert. Musik, Kunst, Mode, Kultur. 2005 erscheint auf Perlon ihre erste Platte "My Auntie". Zurzeit bastelt sie an einer neuen EP und legt auf. Im Fabric in London, dem Unit in Tokio, dem Club 11 in Amsterdam. Zweimal in der Woche arbeitet Cassy im Plattenladen Hard Wax.

Mit ihrem Mann, dem DJ und Produzenten Tobias Freund, lebt sie in einer Altbauwohnung in Mitte. In einem Regal stehen an die 3 000 Platten, dazwischen DVDs und Bücher. Es gibt Marzipan-Kekse und Tee. Trifft man Cassy in einem Café, bleibt sie auch gern bei einem Wasser. Sie nimmt das Exzessive, das sie beim Auflegen umweht, nicht mit nach Hause. Nicht mehr. Anders sei das Leben als DJ auf Dauer nicht durchzuhalten. Sie mag es, ausgeruht zu Klassikkonzerten oder zum Yoga gehen. Das heißt nicht, dass sie vom Nachtleben genug hat. Die Musik mache sie noch immer so kribbelig wie am Anfang. Dazu komme das Reisen, egal, ob Tokio oder London, sie liebt das Treiben der Großstädte. Fast so sehr wie die vielen Sonnenaufgänge, die sie schon gesehen hat. Auf dem Weg zur Arbeit.

 
Text: Yoko Rückerl, BLZ