Wenn morgen im Knaack KJ Andy zum Karaoke bittet oder am Sonnabend bei "Berlin Wildstyle" Indie, Rock und Elektro dominieren, sitzt der wichtigste Mann am Lautstärkeregler. Und um elf muss ganz Schluss sein mit Live-Musik.
Beide Einschränkungen sind sehr ungewöhnlich für Berliner Clubs und sicher nicht umsatzfördernd. Das beste Ausgeh-Geschäft wird nachts gemacht. Und richtig Spaß macht's erst, wenn's laut ist.
Es ist jetzt etwas mehr als ein Jahr her, dass im Knaack Post ankam. Sie kam von Bewohnern aus der Heinrich-Roller-Straße. Wenn Musik gemacht werde, sei es bei ihnen unerträglich laut, war der Tenor. "Wir haben das erst gar nicht verstanden. Wieso Heinrich-Roller-Straße? Was haben die mit uns zu tun?", erinnert sich Matthias Harnoß, einer der Knaack-Betreiber.
Andrang vor der Darmwäsche
Ärger um Lärm sind sie aber gewohnt. Kein Wunder, liegt der Knaack-Club nicht irgendwo in der Pampa, sondern im dichtbewohnten in Prenzlauer Berg. In der ersten Etage des Quergebäudes saß nach dem Zweiten Weltkrieg eine Herrenschneiderei. 1952 zog das Jugendfreizeitheim Ernst Knaack ein. Zu den Weltjugendspielen 1973 wandelte sich das Knaack endgültig zum "Jugendclub mit Tanzmöglichkeit". In der wilden Wendezeit eignete man sich kurzerhand den Keller an, in dem vorher eine Darmwäscherei untergebracht war - der Club Darmwäsche zog so viel Publikum, dass die Leute regelmäßig bis auf die Straße anstanden. Es geht also schon lange laut zu im Knaack - alle über die Zeitläufte wechselnden Betreiber mussten sich mit den Nachbarn arrangieren.
Zuletzt drangen Klagen von einem nahen Seniorenheim in einen von Berlins ältesten Clubs. Darauf hat man reagiert. Von den ursprünglich vier Etagen werden nur noch zwei bespielt, Türen und Fenster wurden zugemauert, nach eigenen Angaben mehrere Hunderttausend Euro in Schallschutz investiert. Vor allem der Verzicht auf den Keller sei schwer gefallen, sagen die Betreiber. Doch so ließ sich zumindest annähernd Frieden schaffen. Bis in einem Hinterhof in der Heinrich-Roller-Straße, quasi an den Rücken des Knaack, ein Wohnhaus gebaut wurde, Mauer an Mauer, ohne nennenswerte Dämmung.
Harnoß hat am eigenen Leib erlebt, was das bedeutet. Er schlich sich eines Nachts ins Nachbarhaus, während im Knaack Karaoke lief. "Man konnte das schiefe Gesinge und sogar das Klatschen hören", berichtet er. Für ihn steht seitdem fest: "Die wollen schlafen, wir wollen unser Geschäft machen. Beides geht nicht zusammen. Wir können nicht noch leiser machen, sonst bleiben uns noch mehr Gäste weg."
Schuld an dem Konflikt sei das Bezirksamt Pankow, sagen die Knaack-Leute. Niemals hätte es eine Genehmigung für ein Wohnhaus an dieser Stelle geben dürfen. Der Club sei zuerst dagewesen, sollen die Wohnungen doch zu Büros umgewidmet werden. Schließlich befinde man sich in einem Mischgebiet, also sei auch mehr Lärm erlaubt. Eine Umwandlung komme nicht infrage, sagt Rechtsanwalt Oliver Wichmann, der die Wohneigentümergemeinschaft vertritt. Vielmehr müsse der Knaack-Club eine Schallschutzwand ziehen oder umziehen. Bisher habe man die Situation nicht eskalieren lassen, etwa auf den Erlass einstweiliger Verfügungen verzichtet, doch jetzt werde es Zeit, dass sich etwas ändert.
In den Knaack-Foren ist der Ton schon lange rauer. Dort wird das in den Innenstadtbezirken so gern strapazierte Wem-gehört-die-Stadt-Spiel betrieben. "Irgendwelche Wessis denken, dass sie hier nur mit ihrem Geld rumwedeln brauchen, und schon wird hier alles anders", schreibt einer. Ein anderer: "Solche Leute gehören nicht in eine Stadt wie Berlin. Die sollen doch zurück ins Wessiland gehen." Jens-Holger Kirchner, Stadtrat für öffentliche Ordnung in Pankow, mag solche Sprüche nicht. Es sei müßig über die Baugenehmigung für ein Wohnhaus zu streiten, das längst stehe. Es sei auch nicht hilfreich, darüber zu streiten, ob man sich in einem Wohn- oder in einem Mischgebiet befinde. Es müssten jetzt Lösungen her, sonst müsse man wegen Verletzung des Umweltschutzrechts einschreiten und den Club schließen.
Kirchner sucht für den Knaack andere Räume im Bezirk, den wollen die Club-Betreiber nämlich keinesfalls verlassen. Vorschläge wie einen Nachbarraum des Velodrom oder den Brauereikeller unter dem Pfefferberg haben die Knaack-Leute abgelehnt (a: zu weit draußen; b: zu teuer und zu lärmempfindlich). Jetzt hat Kirchner noch eine letzte Option in petto, einen Anbau an die Max-Schmeling-Halle. "Jetzt ist das Knaack am Zug", sagt er.
Text: Elmar Schütze/BLZ