Wenn Erasmus-Studenten feiern, ist Berlin international wie sonst nie - längst gibt es eigene Partys für sie.
Was genau Sebastian aus Schweden ihnen sagen will, wissen Marguerita, Lucia und Lara auch nicht, sie lachen trotzdem. Es ist kurz nach Mitternacht, aus den Boxen brummen Seeed über das "Dicke B.". Sebastian trägt einen Hut, den er gerade Jonathan aus England vom Kopf geschnappt hat und die drei Mädels haben spanische Flaggen auf ihre T-Shirts geklebt - dabei kommen sie doch aus Italien, egal, die italienischen Flaggen waren am Eingang irgendwie schon aus.
Erasmus heißt das europäische Austausch-Programm für Studenten, benannt nach dem holländischen Humanisten, der im 15. Jahrhundert an den namhaften Universitäten Europas studierte und sich fromm mit Bibel-Übersetzungen die Zeit vertrieb. Sechs Jahrhunderte später sind seine Erben allerdings alles andere als fromm - Erasmus-Studenten feiern mehr und exzessiver. Und das geht so: Erst wird mit dem Freund oder der Freundin zu Hause Schluss gemacht und dann überall in Europa alles ausprobiert, was geht. Jede Party ist, als sei es die letzte. Das machen sie ein halbes Jahr lang. Dann hatten sie die Zeit ihres Lebens. Alles, was in so einem Semester passiert, spielt sich in einem luftleeren Raum ab, wird später in einer Schublade mit der Aufschrift "Jugendsünden" verstaut, als Anekdote ewig abrufbar im Ernst des Lebens danach.
Das haben auch die Berliner Partymacher entdeckt. Gleich mehrere Erasmus-Partyreihen gibt es mittlerweile in der Stadt. Mehrmals im Monat feiern die Ausnahmezustands-Studenten, ganz passend im Partykeller eines Backpacker-Hotels in Mitte, aber auch in bekannten Szeneorten wie dem International.
Einer dieser Partymacher ist Fabian-Carlos Guhl, 27. Er sitzt in seinem Loft tief in Wedding, schlägt die Beine übereinander und trinkt Früchtetee. "Ich habe schon immer gerne Partys organisiert", sagt er. Wenn er mit seiner WG feiert, dann richtig, so wie vor ein paar Wochen zum Mauerfalljubiläum. An der Wand hängt noch eine goldene Erste-Hilfe-Folie, deren Falten aussehen wie Backsteinziegel, Überrest der Deko, passend zum Anlass, dazu gab es einen als Affen verkleideten Schauspielfreund, der Bananen auf die Gäste warf, und Musik aus Sub-Woofern, so laut, dass die Polizei kam.
Guhl war selbst Erasmus- Student: Im Wintersemester 2006/07 studierte er in Paris Publizistik. Paris ist eine der größten Studentenstädte in Europa, Erasmus-Partys sind dort eine willkommene Alternative zu den Luxus-Clubs auf den Champs Elysées, wo der Eintritt 30 Euro kostet. Und als Guhl zurück war in Berlin, nach insgesamt dreieinhalb Jahren im Ausland (Paris, Tunis, London, New York) hatte er nicht nur ein riesiges Netzwerk, sondern brauchte Geld, um sich seinen Traum vom eigenen Modelabel zu finanzieren.
Also rührte Guhl die digitale Werbetrommel, verschickte Einladungen über soziale Netzwerke. Die erste Party machte er im Frühsommer, auf einem Boot an der Oberbaumbrücke. Den 150 Gästen ließ er am Eingang Flaggen ihres Herkunftslandes aufkleben und drückte ihnen ein Glas Sekt in die Hand. "So steht man schon mal ganz anders da", sagt Guhl. Dann wird der Sprachkurs Deutsch, Lektion eins, ausgepackt: "Hallo, aha, du kommst aus Belgien? Wo wohnst du? Was studierst du?"
"Eine richtige Flirtbörse", sagt Guhl, zu der mittlerweile schon mal 900 Leute kommen, nicht cool und abwartend, wie es so typisch ist in Berlin. "Im Cookies kannst du bestimmt nicht jeden anquatschen."
Das weiß auch Dennis Teufert, 28, ein alter Erasmus-Partyhase. 2007 schon machte er seine erste Party für die Austausch-Feierszene. "Niemand sollte sein Austauschjahr alleine verbringen", sagt er. Teufert ist Tutor für Erasmus-Studenten an der Freien Universität. Und nachdem er immer wieder mal Kneipentouren für seine Schützlinge organisiert hatte, kam ihm die Idee mit den Partys. Die, so dachte er sich, sollten am besten auch gleich eine Art Seminar in Clubkultur sein. "In Berlin gibt es mehr als 300 Clubs", sagt Teufert, "da blickt doch niemand durch, schon gar nicht jemand, der neu hier ist." Also lädt er zu jeder Party renommierte DJs ein, Residents aus dem Icon, Golden Gate, Tresor und lässt die Studenten in bekannten Läden wie heute im Lido feiern. "Es kommen auch viele Berliner, die selbst bald ins Ausland wollen oder einfach Lust haben, Leute aus anderen Ländern zu treffen", sagt Teufert. Vielleicht auch weil so eine kleine Romanze mit einem "Jetzt-Oder-Nie"-Erasmus-Studenten irgendwann in der eigenen Anekdoten-Schachtel landen kann.