Speisung der Fünftausend - Neben der Maria am Ostbahnhof hat sich der Jesus Club eingerichtet, eine Oase der Subkultur.
Es ist ein echtes Hähnchen, das da von der Decke hängt - gerupft und ausgenommen, weich und feucht. Es hängt mitten im Raum, so dass man dagegen laufen könnte, mitten im Jesus Club, der neuen Experimentierwiese der Berliner Clublandschaft. Eingenistet hat der sich in einer kleinen, bisher kaum benutzten Halle des Clubs Maria am Ostbahnhof.
Die Einrichtung ist kunterbunt: Überall sind graue Gymnastikbälle verteilt. Auf einigen sitzen Mittzwanziger in Jeans und Kapuzen-Shirts. Ein Dutzend arabische Gebetsteppiche liegen auf dem Boden. An den Wänden hängen farbenfrohe Gemälde: Dinosaurier und Löwen vor Regenbogenfarben-Mustern, weiße und graue Wolken auf Hellblau. Zwei DJs legen abstrakte Klangkonstrukte auf. Das Licht ist gelb und warm. Spots sind auf das Hähnchen gerichtet - auch auf die beiden großen Fische daneben. Die riecht man auch. Wasser tropft von ihnen auf den Boden.
Das Ungewöhnlichste aber ist eine Gartenlaube, in der zwei Kochplatten stehen. Vor der Hütte steht ein Holztisch, opulent beladen mit Möhren, Zwiebeln, Fenchel und Sellerie. Zwei junge Frauen und ein Mann schneiden das Gemüse und geben es in einen großen Topf.
An diesem Abend wird im Jesus Club Suppe gekocht. Trotzdem ist er kein Club-Restaurant wie etwa das Rodeo. Die jungen Leute, die das Gemüse schneiden, arbeiten nicht hier, sie sind Gäste. "Bei uns soll der Gast nicht passiv sein", sagt Veranstalter Manuel Czech, selbst professioneller Koch. "Kochen soll ein sozialer Prozess sein."
Czech geht zum Tisch, legt neues Gemüse bereit, scherzt und lacht mit den freiwilligen Helfern. Der 40-Jährige hat im Sternerestaurant Margaux am Pariser Platz gelernt und kocht als Freiberufler für "kleine, feine Veranstaltungen" etwa im Bundespräsidialamt. Für ungewöhnliche Kochaktionen war er schon immer zu haben: Bei einem Tanzfestival stand er mit einer mobilen Küche im Foyer des HAU-Theaters und garte mit den Tänzern. Seit drei Jahren lädt er zu einem Fünf-Gänge-Menü in die Remise, sein Kreuzberger Hinterhof-Fachwerkhaus. Dazu bereitet er ein paar Dinge vor, den größten Teil kocht er mit den Gästen. Wenn die mögen.
Gemeinsames Kochen verleihe der Situation einen privaten Charakter, findet Czech. Dieses Konzept hat Czech mit dem Experimental-Musiker Guido Henneböhl ausgeweitet und mit "offenen Ansätzen von bestimmten Kunstformen" im Jesus Club kombiniert: Musik, improvisierter Tanz, Malerei, Videokunst.
Drei Mal pro Woche gibt es jetzt Veranstaltungen im Jesus Club. An Sonntagen liegt der Schwerpunkt auf dem Essen. Zwei Gänge kocht Czech; was, erfahren die Gäste erst, wenn sie da sind. "Das Programm ist sonntags noch improvisierter als sonst", sagt er. Meist gibt es Tanz. "Ich koche dann während der Performance." Die Kochgeräusche seien einkalkuliert und trügen zur speziellen Atmosphäre bei. Auch gegessen wird während der Darbietung. Mittwochs bleibt die Küche kalt, dann ist nur Konzert. Zwei Bands spielen improvisierte E-Musik, Freejazz, elektroakustische Klänge: Musik, die nicht gerade leicht verdaulich ist. "Bei uns spielen Bands, die ein aufmerksames Publikum brauchen", sagt Czech. "Ein Publikum, das nicht nur da ist, um sich selbst zu amüsieren." Freitags geht alles: ein wenig kochen, dazu Musik von DJs und Bands.
Als die Band an diesem Freitagabend beginnt, ist das Gemüse schon geschnitten. Konzentrierte Stille. Etwa 30 Leute sitzen auf den Teppichen und Gymnastikbällen, schauen auf die vier Musiker an Keyboard, Schlagzeug, Saxophon und Tuba. Die Tuba fiept. Ein Klangteppich untermalt das Ganze, das beharrlich auf ein totales Klangchaos zusteuert. Nichts für schwache Nerven.
In der Gartenlaube dampft es aus dem Topf. Der Duft von Gemüsebrühe zieht durch die Halle. Als die Band fertig ist, legen die DJs wieder auf, Czech kocht allein weiter. Er nimmt das Huhn vom Haken, wäscht es, zerlegt es am Tisch und gibt die Stücke in einen Teil der Gemüsebrühe - danach die Fische. Nach dem nächsten Musikstück können die Gäste die drei verschiedenen Suppen probieren. Kostenlos, doch nur ein bisschen. Das meiste nimmt Czech als Grundlage fürs Sonntagsmenü. Da serviert er verfeinerte Versionen der Gemüse-, Geflügel- und Fischsuppe vom Freitag. Schnippeln müssen die Gäste dann nicht. Das haben andere am Freitag für sie getan.
Events: "The Action Painting Club is taking over Jesus", Film "Honorable Brother" mit Live-Pianobegleitung, Konzert Little Women, Infinite Livez & DJ Ill Vibe
Programm im Internet unter www.clubjesus.de
Text: Katja Hanke