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Die meisten Menschen verbringen siebzig Prozent ihrer Zeit zu Hause und bei der Arbeit. dpa
Die meisten Menschen verbringen siebzig Prozent ihrer Zeit zu Hause und bei der Arbeit.

Anhand von Handydaten haben US-Forscher die typischen Bewegungsmuster in westlichen Gesellschaften erkundet

Jean Pierre Bassenge

Auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen, zum Besuch bei Freunden oder auf Reisen – viele Menschen haben ständig ein Mobiltelefon dabei. Ist es eingeschaltet, so hinterlässt es verräterische Spuren in den Computern der Mobilfunkanbieter. Denn aus der Position der Funkmasten, bei denen das Handy gerade angemeldet ist, können die Unternehmen jederzeit ablesen, in welchem Gebiet sich ihre Kunden aufhalten. US-Physiker um Marta Gonzalez von der Northeastern University in Boston haben nun die Daten eines europäischen Mobilfunkbetreibers genutzt, um das typische Reiseverhalten von Menschen in westlichen Gesellschaften zu analysieren. Die Ergebnisse ihrer Studie, bei der sie die Daten von hunderttausend Mobilfunkkunden in anonymisierter Form ausgewertet haben, präsentieren die Forscher jetzt in der Wissenschaftszeitschrift Nature.

"Unsere Untersuchung soll dazu dienen, die Ausbreitung von Epidemien in der Bevölkerung genauer vorherzusagen", sagt Gonzalez. Dazu müsse man herauszufinden, wie weit sich Menschen normalerweise vom Wohnort entfernen. Denn je größer die Distanzen sind, die jemand täglich zurücklegt, desto stärker trägt er zur Übertragung ansteckender Krankheiten bei.

Bislang wurden zur Ermittlung typischer Reise- und Bewegungsmuster GPS-Empfänger in der Bevölkerung verteilt oder die Studienteilnehmer wurden gebeten, ihre Fahrten in Büchlein zu dokumentieren, die später eingesammelt wurden. Auch die Daten von Fluggesellschaften wurden analysiert. "Diese Methoden waren jedoch zu teuer; außerdem hat man damit immer nur kleine Teile der Bevölkerung erfasst", sagt Gonzàlez.

Eine Gruppe deutscher Wissenschaftler um Dirk Brockmann vom Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation hatte schließlich vor einigen Jahren die Idee, den Umlauf von Banknoten in den USA zu analysieren, um daraus Rückschlüsse auf das Reiseverhalten der US-Bürger zu ziehen. In einer Anfang 2006 in Nature veröffentlichten Studie konnte Brockmanns Team zwei Regeln identifizieren: Zum einen sind lange Reisen deutlich seltener als kurze Wege, zum anderen, so mutmaßten die Forscher damals, gibt es viele Menschen, die wenig, und wenige Menschen, die viel reisen. Allerdings konnten sie die zweite Regel nicht eindeutig belegen, da sie den Geldverkehr nicht bestimmten Personen zuordnen konnten.

Mithilfe der von ihnen analysierten Handydaten haben Gonzaléz und ihre Kollegen nun die Vermutung des deutschen Forscherteams bestätigt. Darüber hinaus konnten sie genau aufschlüsseln, wie viele Menschen im Durchschnitt in ihrem Alltag wie weit durchs Land fahren: "Etwa die Hälfte der Studienteilnehmer verbrachte ihre Zeit bis auf seltene Ausnahmen in einem Umkreis von nur 5 Kilometern um ihre Wohnung", berichtet Gonzalez. Der Anteil der Menschen, die regelmäßig bis zu 50 Kilometer reisten, betrug 7 Prozent und nur ein Prozent reiste häufig mehr als 500 Kilometer. Insgesamt verbrachten Gonzalez zufolge fast ausnahmslos alle Studienteilnehmer rund 70 Prozent ihrer Zeit an nur zwei Orten: zu Hause und bei der Arbeit.

Brockmann, der Gonzalez' Studie vor der Veröffentlichung begutachtet hat, hält die Untersuchung für einen Durchbruch: "Durch die genaueren Daten werden künftig deutlich bessere Epidemievorhersagen möglich sein." Er bedauert lediglich, dass Gonzalez verschweigt, aus welchem Land und von welchem Unternehmen die Daten stammen. "Das darf ich leider nicht verraten", sagte die Physikerin auf Nachfrage. Der Mobilfunkanbieter habe Stillschweigen erbeten.

Christoph Klug von der Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherung hält den Vorgang für bedenklich: "Aufenthaltsdaten, auch in anonymisierter Form, dürfen im Allgemeinen nur zur Abwicklung von Telekommunikationsdiensten genutzt werden." Die Teilnehmer hätten der Weitergabe ihrer Daten zustimmen müssen - nur so hätte man möglichen Datenschutzverstößen vorbeugen können. Gonzalez versteht die Kritik nicht: "Solange wir keine Möglichkeit haben, durch die Daten auf die Identität der Untersuchten zu schließen, brauchen sie nichts von der Studie zu wissen." Und da die Daten ohnehin gespeichert würden, sei es nur vernünftig, sie auch für die Epidemieforschung einzusetzen.

Nature, Bd. 453, S. 779

Berliner Zeitung, 5.6.2008