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Im Oberwasser in Mitte
Daniela Vates
Der Abend beginnt mit einem prüfenden Blick. Die Wirtin steht am Tisch und mustert uns. Sie sieht skeptisch aus. Was wollt ihr trinken?, fragt sie und gibt uns eine Karte. Hängt vom Essen ab, sagen wir. Das steht nicht in der Karte, sagt sie und weist auf eine handgeschriebene Tafel neben dem Eingang. Sie fixiert uns. Was denn nun, mir kocht gleich was über, sagt sie und eilt fort. Als sie wieder an den Tisch tritt, fragen wir nach einem Weißwein, ein bisschen eingeschüchtert zugegebenermaßen.
Die Wirtin fängt an zu strahlen. Einen ganz wunderbaren Chardonnay aus dem Veneto könne sie empfehlen, von einem tollen Winzer. Es klingt, als habe sie schon ziemlich viele schöne Abende auf dem Weingut verbracht. Nein, habe sie nicht, sagt sie. Wann soll ich da denn hinfahren? Die Zeit habe ich gar nicht, da müsste ich ja inzwischen hier zusperren. Sie lächelt. Ein paar Mal wird sie aber auch noch ruppig werden an diesem Abend, das Oberwasser ist nichts für ganz zarte Seelchen, zumindest nicht beim ersten Anlauf.
Das lässt sich allerdings auch erklären: Die Wirtin ist Chefin, Köchin, Kellnerin in einem, und sie macht alles ganz allein. Das ist enorm viel Arbeit, es zwingt zu Effektivität und klaren Ansagen. Und klare Ansagen geraten manchmal eben etwas kurz. Fast wichtiger ist aber wohl: Das Oberwasser ist kein Restaurant, es ist eine Art zweites Zuhause der Wirtin. Sie ist vor allem Gastgeberin, der Gastraum ein großes Esszimmer mit Sofas, Kirchenbänken, großen Bildern, alten Tischen und einem Klavier. Ab und zu gibt es Konzerte hier, regelmäßig trifft sich ein Klezmer-Stammtisch.
Habt ihr wirklich so viel Hunger, fragt die Gastgeberin also, als wir Vorspeisen bestellen und auch noch zwei Hauptgerichte. Es wäre schade drum, wenn ich mir umsonst Mühe gebe mit dem Kochen, schwingt dabei mit. Wir versuchen, den als Hauptspeise gedachten Spinatsalat auf Vorspeisengröße herunterzuhandeln. Für so ein paar Blätter stelle ich mich nicht an den Herd, sagt die Chefin. Wir nehmen die große Variante.
Es gab schon Tage, da haben wir sehr lange auf unser Essen gewartet hier, aber als es dann kam, waren wir immer getröstet. Wir sind also fast etwas überrascht, wie schnell Linsensuppe (3,90 Euro) und Salat (10,80 Euro) auf dem Tisch stehen. Ein Riesentopf Suppe ist es, klar und schön säuerlich, die Linsen eine Art Einlage, der Stangensellerie passt gut dazu. Der Salat kommt mit warmen Birnenscheiben, Parmesansplittern und Granatapfelkernen, eine angenehme Mischung. Die Lavendel-Soße des Salats schmeckt erdig, meine Begleiterin fühlt sich allerdings an ihr letztes Entspannungsbad erinnert, das möchte sie ungern im Mund haben. Wir tauschen Teller und genießen die Abwesenheit von Baguettescheiben im Brotkorb. Zwiebelbrot gibt es stattdessen und Nussbrot.
Auf dem Weg zum Lokal hatten wir uns auf die Käsespätzle gefreut, die wir hier schon gegessen haben. Es waren die besten Käsespätzle in ganz Berlin. Die gibt es nicht an diesem Tag.
Wir trösten uns mit Spätzle mit Trüffeln und Pilzen, die auch gut sind und zumindest mit etwas Parmesan verziert (10,80 Euro). Das Saltimbocca vom Huhn (13,50 Euro) ist saftig, gefüllt mit reichlich Schinken, Salbei und Senfkörnern. Die Soße kommt ohne Bindemittel aus. Rosmarinkartoffeln aus dem Ofen gibt es dazu und Pilze. Ökologisch gezogen, ruft die Wirtin durch das Lokal. Im Großmarkt könne man Pilze nicht kaufen, da wisse man nie so recht. Es schmeckt uns gleich noch etwas besser. Wir bestellen noch einen Weißwein, den aus dem Veneto, er leuchtet dunkelgelb wie eine Apfelschorle und schmeckt sehr fruchtig (4,50 Euro).
Inzwischen sind noch ein paar mehr Gäste gekommen. Sie trinken ein Glas Wein oder Bier, lesen den Eulenspiegel, der in großen Stapeln auf der Fensterbank liegt. Ein Mann lehnt in der Küchentür und sieht der Gastgeberin beim Kochen zu. Die ist jetzt richtig vergnügt. Wir haben aufgegessen. Fast zumindest.
Berliner Zeitung, 01.12.2007
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