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Max Lautenschläger
Das ELYSANDER in der Leibnizstraße
Sie werden platziert
Im Elysander in Charlottenburg
Damir Fras
Meine Begleiterin sagte, ich solle doch die gedämpfte Gemüsezwiebel mit Hirse-Käse-Ragoutfüllung (17,60 Euro) nehmen. Es müsse nicht immer Fleisch sein. Sie meinte es gar nicht böse, aber ich war nicht zu Scherzen aufgelegt und schwieg verstockt. Dazu muss man wissen, dass ich vor gerade einmal drei Wochen zwei lange Tage in einem indischen Dorf mit angeschlossenem Hindu-Heiligtum zugebracht habe. Es war alles sehr interessant, bunt, schillernd und vergeistigt, aber eben durch und durch vegetarisch, was mir sehr widerstrebte. Ich glaube nicht an Wiedergeburt in Tiergestalt und kann also gar nicht Gefahr laufen, einen entfernten Vorfahren zu verspeisen, der zufällig als Huhn wieder auf die Welt gekommen ist. Eine Haltung, die mir in Indien aber auch nicht weiterhalf.
Im Restaurant "Elysander" sollten sich diese traurigen, vegetarischen Verhältnisse zum Glück nicht wiederholen. Es ist zwar ein Restaurant, in dem ausschließlich Bio-Produkte verwendet werden, selbst das Salz ist der Natürlichkeit halber ohne Fluor oder Jod. Doch - zur Freude aller Carnivoren - findet sich auf der Speisekarte unter der Gemüsezwiebel ein reelles Schweinefilet. Von wegen indische Zustände, wie ich zu Anfang befürchtet hatte.
Der Kellner, der gleichzeitig auch der Besitzer des Restaurants ist, empfahl uns zum Aperitif ein Gläschen vom Pineaud des Charentes (5,80 Euro). Nie gehört. Doch schon nach dem ersten Schluck war klar, dass die süßliche Mischung aus Weißwein und Cognac einen hervorragenden Start in den Abend abgab. Draußen war es kalt und regnerisch, und wir entschieden uns, Suppe zur Vorspeise zu nehmen. Ihre Kürbiscremesuppe (4,50 Euro) war mit Kokosmilch und mit Ingwer verfeinert und schmeckte hervorragend. Meine Käsesuppe mit Knoblauch-Croutons (7,90 Euro) war ein locker-leichtes Beispiel dafür, dass man aus Käse auch Suppen machen kann, die nicht wie ein ganzer Laib Emmentaler im Magen liegen.
Zu einer Gastro-Kolumne gehört Kritik, schonungslose Kritik zur Not. Doch so sehr wir uns an diesem Abend mühten, Kritik zu üben: Uns fiel nichts Kritikwürdiges auf. Gut, vielleicht waren die Croutons eine Zehntelsekunde zu lange in der Pfanne gewesen. Gut, vielleicht muss man eine mit Gorgonzola versehene Suppe nicht Allgäuer Käsesuppe nennen. Gut, vielleicht ist die Bezeichnung "Marktfrisches Gemüse" in einem Bio-Restaurant fehl am Platz. Aber ist das schon schonungslose Kritik, oder nur Gemäkel, weil gemäkelt werden muss?
Die Schweinefiletmedaillons (21,80 Euro) waren in der Mitte noch leicht rosa und deswegen sehr zart, das dazugehörige Pilzrisotto war nicht pampig, das Gemüse noch knackig. Das Filet vom Pangasius-Fisch (23,80 Euro), das meine Begleiterin bekam, war ebenfalls nicht zu beanstanden. Das Mangoldgemüse und die Polenta harmonierten gut mit der Aprikosensauce und dem Fisch aus ökologischer Aqua-Kultur. Dazu passte der weiße Entre deux Mères (die Flasche für 25 Euro) ebenso gut wie zu meinem Fleisch. Von dem Limetten-Quarkmousse zur Nachspeise (7,90 Euro) schafften wir gerade noch so eine Portion, die wir uns teilten.
Als ich mich nach dem Essen genüsslich zurücklehnte, ertappte ich mich einen Moment lang bei dem Gedanken, das nächste Mal vielleicht doch ein vegetarisches Gericht zu versuchen. Es war aber nur ein sehr kurzer Gedanke, den ich sofort wieder verdrängte.
Biologisches Essen gut, biologischer Wein gut, biologisches Restaurant gut - dennoch saßen wir mehr als zwei Stunden alleine in dem Restaurant, das erst seit gut sechs Wochen geöffnet ist. Ja, es war ein Wochentag, draußen war Depressionswetter, und preiswert ist es im "Elysander" auch nicht. Aber andererseits auch nicht teurer als in einem Touristenlokal in Mitte oder Prenzlauer Berg. Wir wunderten uns. Die "Generation Bionade" macht sich doch sonst überall in der Stadt breit. Wo war sie denn an diesem Abend?
ELYSANDER Leibnitzstraße 45 Tel.: 922 197 75 Öffnungszeiten: Montag bis Sonnabend von 17-24 Uhr Kreditkarten: EC
Berliner Zeitung, 17.11.2007
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