"Die Entbehrlichen" von Ninni Holmqvist
Entbehrliche und Benötigte
Ninni Holmqvist schreibt das Szenarium einer bizarren Welt
Regine Sylvester
Der Tod schickt einen Geländewagen mit getönten Scheiben. Die Frau wartet mit einer Reisetasche an der Gartenpforte und steigt ein. Nach der Fahrt wird die Autotür von außen geöffnet. Ein Frauengesicht lächelt herein und sagt: "Hej, Dorrit! Du bist jetzt da."
Endstation. Dorrit ist am heutigen Tag fünfzig Jahre alt geworden. Zeit, mit dem Sterben zu beginnen. Dorrit wohnt nun in der "Einheit". "Überall, wo ein Mensch möglicherweise hineinkriechen oder sich zusammenkauern konnte, saß eine Kamera. Manchmal, wenn man sich durch einen Raum bewegte, folgte sie einem mit ihrem einäugigen Blick." In Dorrits Zimmer beginnt der Roman "Die Entbehrlichen" von Ninni Holmqvist, einer schwedischen Autorin, Journalistin und Übersetzerin, Jahrgang 1958.
Sie erzählt ihre Geschichte so detailliert und gegenwärtig, mit so stringenter Logik und Konsequenz, dass ihr Szenarium für möglich gehalten werden kann: Eine neue populistische Partei hat an Einfluss gewonnen. Nach einem mehrheitlichen Volksentscheid werden nun die "Entbehrlichen" - das sind Frauen ab fünfzig, Männer ab sechzig, die keine Kinder haben - in eine Einrichtung gebracht. In Gemeinschaftsräumen und privaten Suiten leben sie in totaler Überwachung, ohne Kontakt zur Welt der "Benötigten". Für die da draußen werden den Bewohnern der Einheit Organe entnommen - zuerst eine Niere oder die Hornhaut eines Auges. Die Entbehrlichen dienen wissenschaftlichen Fallstudien. Ihr Körper wird nach und nach verwertet. Bis zur "Endspende".
"Ein einziger hirntoter Körper kann bis zu acht Menschen das Leben retten." Diese Gesellschaft pflegt vor allem die Effizienz. Jeder muss arbeiten und Kinder haben. Erkrankte Mütter und Väter werden durch Organspenden gerettet. Die Welt ist in zwei Klassen geteilt, ohne Erbarmen, ohne Ausnahmen.
Alle vier Wochen kommen die Neuen, sie sind im gleichen Monat geboren worden. Dorrit, ein "Februarkind", hatte nie einen festen Job. Unabhängigkeit war ihr wichtig, sie akzeptierte es, als Schriftstellerin wenig Geld zu verdienen. Lange glaubte sie, noch ein Kind bekommen zu können und klammerte sich flehend und vergeblich an einen jüngeren, verheirateten Mann. Dorrit ist ganz allein, als sie in den Geländewagen steigt.
Das Buch ist kein Thriller. Seine atemraubende Spannung entsteht auf dem strikten Weg in die Unausweichlichkeit. Ninni Holmqvist erfindet keine futuristischen Details. Die Welt der Entbehrlichen ist eine luxuriöse Enklave. Am Ende wird der Tod stehen, aber man nähert sich ihm in einem Garten, der dem von Monet nachgebildet ist, man geht in Bibliotheken, Wellness-Oasen und Sportklubs. Man nimmt mit und verdrängt.
Und wird erschreckt von Vorzeichen. In der Saune sind drei nackte Frauen: "Sämtliche hatten eine oder mehrere Operationsnarben, die meisten am Bauch." Durch Hormongabe wird aus einer Frau langsam ein Mann. "Besser Zwitter als tot!". Jeder, der länger hier ist, zahlt etwas dafür, noch am Leben zu sein.
Ninni Holmqvist erzählt ruhig, schnörkellos. Sie spricht als Dorrit, als ihr Ich. Das taumelt, von Panik gejagt, durch die die Aufnahmerituale, findet Freunde, reagiert wachsam und klug. Dorrit erkennt eine Chance, den Tod aufzuschieben. Sie trainiert ihren Körper und rennt als biologisch junge Frau gegen die Zeit an. So kann man hier Jahre überstehen. Und dann passiert noch ein Wunder: Sie verliebt sich in einen anderen Entbehrlichen, und sie wird schwanger.
Man darf nicht zu viel von der Geschichte verraten. Unerwartete Kurven liegen vor dem Schluss.
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Ninni Holmqvist: Die Entbehrlichen.
Übersetzt von Angelika Gundlach. Fahrenheit, München 2008. 320 S., 19,90 Euro.
Berliner Zeitung, 03.05.2008