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J. M. Coetzee: Tagebuch eines schlimmen Jahres.
J. M. Coetzee: Tagebuch eines schlimmen Jahres.

Wenn das Feuer erlischt

Der gelehrte Autor erfindet sich seine Leser: J. M. Coetzees "Tagebuch eines schlimmen Sommers"

Sabine Vogel

Das Bemühen um einen über-politischen Diskurs ist vergeblich, notiert der Schriftsteller C. verbittert, was ihn jedoch nicht davon abhält, im Auftrag eines deutschen Verlegers trocken über "feste Ansichten" zu politisch-philosophischen Themen zu räsonieren: Demokratie und Anarchismus, die Einschränkung der Bürgerrechte im Namen der Terrorbekämpfung in Australien, Evolutionstheorie, Ungerechtigkeiten, Wertezerfall, Sprachverschluderung, woran die Welt halt so krankt und der Niedergang der Moral im Allgemeinen sind seine Themen.

C. ist zwar reich und berühmt, aber auch schon etwas tatterig, hat Probleme mit der Feinmotorik und Angst vor dem Sterben, und ein einsames Geschäft ist es eh, Vorträge an ein imaginäres Publikum zu halten. So erfindet er sich eine Erst-Leserin und zwar - wenn schon, denn schon - in der scharfen Gestalt der Filipina Anya, die er im Waschmaschinenraum seines Hauses trifft.

Diese "himmlische Geliebte" engagiert er als Muse, Lektorin und Korrektiv, die sein "Zeug" abtippen soll. Zum Entziffern seines Gekrakels ist die "rassige Exotin" im tomatenroten Hängerkleidchen fast zu dusslig, dafür verkörpert sie die Stimme des gemeinen Volkes umso plastischer. Damit der Monolog des Gelehrten diskurssicher abgehoben vor sich hinsinnieren kann, berichtet der Autor C. von den Niederungen seiner Beziehung mit seiner Anwerbung parallel "unterm Strich". Und noch einen Strich drunter darf die Tippse mit dem "tollen Hintern" selber vor sich hinplappern. Etwa über ihren Freund Alan.

Mr. Oberrammler, wie sie ihn nennt, ist zwar etwas schlauer als sie, er liest sogar Wirtschaftsnachrichten online, aber als Hassobjekt des buhlenden alten Sackes natürlich ein Charakterschwein. Alan hat dem stinkreichen Schriftsteller nämlich ein "Meldeprogramm" in seinen Computer geschmuggelt, mit dem er dessen auf Sparbüchern dahindümpelnden drei Millionen Dollar zur eigenen Vermögensbildung missbrauchen will.

Doch da sei Anya vor! Sie verkörpert also den guten, einfältigen, gesunden Menschenverstand, der geldgeile Börsianer Alan den ideologisch abzulehnenden Materialisten. Schon allein um ein wenig Leben in die trübsinnigen Altherren-Betrachtungen zu bringen, hätte man sich und ihm das Zustandekommen des Gauner-Coups gewünscht. Doch leider ist C. der Autor und der nutzt die Seitenhoheit für eine Besinnlichkeit über den Zusammenhang von geldgierigen Individualismus und reaktionärem Idealismus.

"Schwafel, schwafel" denkt sich "Zuckermöse" gähnend über Herrn C.'s Anstrengungen des Begriffs und rät ihm, doch mal was über Vögel zu scheiben. Ganz so blöd ist sie doch nicht. Aber natürlich ist es die Schlauheit ihres Erfinders, der durch sie die Saftlosigkeit seiner besserwisserischen Predigten kommentiert. Und sich darauf gleich die Absolution erteilt: Mit dem Alter, so der Literaturdozent mit Referenz zu Tolstoi und Dostojewski, erlösche das Feuer des Geschichtenerfinders. Altersweisheit zeichne sich durch dürre Kurzprosa aus, die sich auf das Wesentliche konzentriert - auf die Frage: Wie soll man leben?

Aber genau die ist der Autor C. nicht imstande zu beantworten. Stattdessen gibt er sich sanft-senilen "Muschi-Prinzessin"-Imaginationen hin und grämt sich wehleidig in abstrakter Schande. "Schande" heißt der große Roman des nach Australien ausgewanderten südafrikanischen Nobelpreisträgers Coetzee. In Coetzees neuem Buch, dieser gestelzten Romandekonstruktion, leidet nun der von Südafrika nach Australien ausgewanderte Schriftsteller C. aber nicht unter einer konkret zu diagnostizierenden Geschichtsbürde, nein, er leidet unter der moralischen Menschheitsschande von Guantanamo Bay.

Das ist billig, denn es erfordert kein Handeln. Der Autor C. begnügt sich mit seinem Job des Lamentierens und ist beleidigt, wenn man ihn deshalb als sentimentalen Zausel abtut, der sich nur als Stimme des Gewissens wichtig macht.

Warum geht er nicht nach draußen und kämpft für die Menschenrechte? Warum hortet er seine Millionen statt sie "gewinnbringend" anzulegen für das Gute? Diesen Part der Kritik überlässt er nicht uns - auch dafür hat er schon seinen Widerpart in Alan, dem bösen Realisten der modernen Zeit, installiert. In diesem geschlossenen System der Selbstreflexion fühlt man sich als Leser überflüssig. Es braucht uns nicht, brauchen wir es?

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J. M. Coetzee: Tagebuch eines schlimmen Jahres. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. Fischer, Frankfurt am Main 2008. 231 S., 19,90 Euro.

Berliner Zeitung, 17.04.2008