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Stewart O'Nan: Letzte Nacht.
Stewart O'Nan: Letzte Nacht

Das war's. Machen wir zu

Stewart O'Nans wunderbares Buch "Die letzte Nacht" über das Ende eines Restaurants am Jahresende

Harald Jähner

Es gibt Bücher, auf die man unbedingt noch hinweisen muss, bevor das Jahr zu Ende geht. Solch ein Buch ist Stewart O'Nans Erzählung "Letzte Nacht", zumal in ihr das alte Jahr mit besonderer Unerbittlichkeit zu Ende geht. Das Buch handelt von den letzten Stunden eines Restaurants. Es ist die Red-Lobster-Filiale in New Britain in Connecticut, die von der Leitung des Restaurantkonzerns geschlossen wird, weil sie nicht mehr rentabel genug arbeitet. Also macht sich Geschäftsführer Manny DeLeon an diesem Dezembermorgen ein letztes Mal daran, die Restauranttür zu öffnen. Er schaltet das Licht an, heizt die Kaffeemaschine hoch und wechselt das Öl in den Fritteusen.

Als erster der Angestellten kommt, wie immer, Eddie, der zuverlässigste, der seit Langem auf Krücken geht, der schmerzenden Gelenke wegen. Von den vierundvierzig Leuten, die vor Kurzem im Red Lobster arbeiteten, werden nur fünf in eine benachbarte Filiale übernommen, darunter Manny selbst, was seine Position an diesem letzten Tag schwieriger macht. Halbwegs pünktlich kommen denn auch nur diejenigen, die weiterbeschäftigt werden. Aber auch ein paar von den anderen trudeln nach und nach ein zur letzten Schicht, übernehmen das Salatschneiden, säubern die Tische, decken ein. So beginnt dieser letzte Arbeitstag fast wie immer. Eigentlich wäre Wut angesagt, ein bisschen Anarchie, eine Welle von Abschiedsschmerz. Am Ende des Tages werden aber nur ein paar Flaschen Sekt geklaut sein, und auch die wird man wiederfinden. Dieser sonderbar disziplinierte Tag, an dem die alte Ordnung aufrechterhalten wird bis zur letzten Sekunde, wirft ein Licht auf alle Tage zuvor.

Stewart O'Nan hat eine Geschichte über die Seelen arbeitender Menschen geschrieben, über Selbstdisziplin und Pflichtgefühl, Loyalität und Gerechtigkeit. Er kommt dabei ohne große Worte und ohne abstrakte Reflexionen aus. Die Seele findet er in der Art, wie jemand das Besteck in die Servietten wickelt, das Geschirr abräumt und auf ungezogene Gäste reagiert. Er findet sie in den routinierten Gesten der Begrüßung und Verabschiedung, in der eingespielten Arbeitsteilung und in der Bereitschaft einzuspringen, wenn die Situation es erfordert.

Es ist der letzte Arbeitstag, aber es gibt keine ausgesprochenen Vorwürfe gegen den durchaus nicht fiktiven Red-Lobster-Konzern, der mit seinen über 650 Fischrestaurants zu den größten Gastronomieketten der USA gehört. Niemand spricht über Politik, nur Ty, der das Kochen in einer U-Boot-Kombüse gelernt hat, sagt einmal: "Das ist derselbe Scheiß, den die Navy mit uns gemacht hat. Ich kann nicht glauben, dass ich mich auch im wirklichen Leben mit so was abfinden muss." Mehr Protest gibt es nicht. Stewart O'Nan bleibt einhundertfünfzig Seiten lang rigoros in den Räumen des Restaurants, wagt sich allenfalls auf den Parkplatz hinaus, der mittlerweile so zugeschneit ist, dass Manny den benzinbetriebenen Schneeräumer anwirft. Wenn der Weg geräumt ist, kann er seine Leute eher davon überzeugen, den Lobster offen zu halten, obwohl an diesem Nachmittag kaum noch jemand durch das immer heftiger werdende Schneegestöber zu ihnen finden wird.

Das ist Mannys Psychologie. Er will, dass bis zur letzten Stunde alles bereit steht, der Empfang besetzt ist, das Öl heiß bleibt. Und irgendwie wollen die anderen das auch. Manny ist ein Chef, der nicht groß herumkommandiert, sondern dafür sorgt, dass die Infrastruktur stimmt, vor allem die Infrastruktur der Seelen. Das Lobster braucht keinen Coach und keinen Motivationskünstler - O'Nans nüchterne Skizzen aus dem Servierwesen zeigen, dass der Wille, einen guten Job zu machen, dieser ausbeutbare, verletzbare Wille, fast in jedem Menschen steckt. Manny muss nur ein wenig auf die Chemie seiner Belegschaft achten, dann passt sie auf sich selbst auf. Das gelingt ihm, weil er kleine Gesten zu lesen versteht und seine Arbeit auf diese unpathetisch lakonische Art gerne macht, die das ganze Buch durchzieht.

Da es der letzte Tag Arbeit ist, geht sie schwerer, aber in gewisser Weise auch leichter von der Hand als sonst. Ihr Verlust macht harte Arbeit wertvoller, als sie ist. Muss auch am letzten Tag ein Gast noch auf den Teppich kotzen? Stewart O'Nan hat das Buch seinem Bruder John gewidmet "und allen, die die Schichten übernehmen, die kein anderer will". Das mag nach Pflichtethik klingen und ein wenig sogar nach Opferidylle, aber vor allem nach der Würde von Menschen, die frei sind und wissen, was zu tun ist. O'Nan hat die Arbeit im Restaurant sehr genau recherchiert. Mit diesem Sinn für Details und Logistik führt er den Leser ins Zentrum des Daseins, wo es um die Verteilung von Mühsal geht, um die Art, wie Kollegen einander in Eifersucht und in Sorge im Blick behalten, um die Lust nützlich zu sein und um die Schönheit der Müdigkeit.

Am Ende wird das Lobster noch einmal sauber gemacht, um es dem Konzern blitzblank zu übergeben. Verdient haben die Bosse solche Leute nicht.


Stewart O'Nan: Letzte Nacht. Übersetzt von Thomas Gunkel. Mare Bibliothek. 157 S., 18 Euro

Berliner Zeitung, 31.12.2007