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Albert Sanchez Pinol: Pandora im Kongo
Albert Sanchez Pinol: Pandora im Kongo

Reise zum Mittelpunkt der Erde

Abenteuerroman und Literatursatire aus Katalanien: Albert Sanchez Piñols "Pandora im Kongo"

Martin Halter

Warum hätte Albert Sanchez Piñol sein Erfolgsrezept ändern sollen? In seinem Weltbestseller "Im Rausch der Stille" kämpften ein Leuchtturmwärter und ein Meteorologe auf einer einsamen Insel gegen ozeanische Froschmenschen, die Böses oder auch bloß Liebe machen wollten. Im zweiten Roman des katalanischen Autors nun sind es zwei englische Aristokraten und ihr Stallknecht, die in einer abgelegenen Urwaldlichtung mit Sprengstoff, Waffen und kolonialer Tücke einen "vertikalen Krieg" gegen Wesen aus der Tiefe führen.

Diesmal sind es keine schleimigen Amphibien, sondern "Tektoner", Kreaturen mit Kegelköpfen, Katzenaugen, zwölf Fingern und steinernen Rüstungen; ein Zweimeter-Weibchen schlägt wieder erotische Brücken zwischen Mensch und Tier, zivilisierter Ober- und mythologischer Unterwelt. Immerhin hat Piñol seinem Roman diesmal einen komplexeren, dreifachen Boden eingezogen: Auf der ersten Ebene ist "Pandora im Kongo" ein kruder Abenteuerroman aus dem Belgisch-Kongo des Jahres 1912, auf der zweiten ein Justizthriller aus dem Ersten Weltkrieg, auf der dritten schließlich eine zeitlose Satire auf einen verkommenen Literaturbetrieb, der wahre Lügen und Ethnokitsch belohnt.

Tommy Thomson, 19jähriger Waisenknabe mit schriftstellerischen Ambitionen, ist ein "Neger" in London, eine jener bedauernswerten Kreaturen, die unter dem Namen berühmterer Autoren Trivialliteratur am Fließband schrieben. Sein erstes Werk hieß "Pandora im Kongo" und handelte weisungsgemäß von Kannibalen, Löwen und verführerischen Negerköniginnen. Größer ist die literarische Herausforderung, im Auftrag eines windigen Advokaten dessen Mandanten vor der Todesstrafe zu retten. Marcus Garvey steht im Verdacht, bei einer Kongo-Expedition seine Arbeitgeber, die Brüder William und Richard Carver, ermordet zu haben; Thomson soll mit einer rührseligen Version der Ereignisse aus der Sicht des mutmaßlichen Mörders Gericht und Publikum von Garveys Unschuld überzeugen.

Der Plan gelingt: Die Räuberpistole, ein Mittelding zwischen Biografie, Testament und Plädoyer, wird ein vieldiskutierter Bestseller, ihr Ghostwriter ein gefeierter Autor. Aber am Ende erweist sich auch die wahre "Pandora im Kongo" nur als Groschenroman und der gefeierte Thommy als betrogener Betrüger.

Die Schilderungen Garveys klingen abenteuerlich. Der treue Diener will arg- und schuldlos zum Helfershelfer imperialistischer Herrenmenschen geworden sein, die auf ihrer Jagd nach Gold, Diamanten und Abenteuern eine Schneise der Verwüstung durch den Kongo zogen: Kein Tier, kein schwarzer Träger, kein weißer Angestellter war vor den Nachstellungen der ruchlosen Gentlemen sicher. Nach endlosen Strapazen finden die Sklaventreiber tatsächlich Gold, rufen damit aber auch die Tektoner auf den Plan. Aus dem Erdinnern kriechend, berennen die Rächer der Natur wie Indianer in einem schlechten Western die im Fort verschanzten Weißen, in dessen Palisaden eine tektonische Femme fatale bereits erste Breschen geschlagen hat. Diese Amgam mit ihrer "Intelligenz reinster Sorte" und ihrem überirdischen Sex erinnert freilich mehr an Tarzans Jane als an Pandora, die verhängnisvolle erste Frau der griechischen Mythologie. Nach blutigen Schlachten werden die Konquistadoren überwältigt und in eine bizarre Unterwelt verschleppt, wo es dann zum Showdown zwischen Herr und Knecht gekommen sein soll.

Die Neger dieser Groschenromanfantasien sind bekannt. Piñol zitiert klassische Abenteuerromane wie Jules Verne "Reise zum Mittelpunkt der Erde"; die Lemuren am Ende der Welt tauchten schon bei Lovecraft und H.G. Wells, die schwarzen Göttinnen bei Arthur Conan Doyle oder Edgar Rice Burroughs auf. Der gelernte Anthropologe Piñol hat im Ostkongo bei den Mbuti Feldforschung betrieben. In seinen Roman ist allerdings wenig ethnologisches Material eingeflossen: "Der Kongo ist kein Ort. Der Kongo ist die andere Seite des Universums". Piñols Kongo ist das mythische innere Afrika, ein "dunkler Abgrund" voller spätkolonialer Fantasien und rassistischer Vorurteile.

Der Roman, in Spanien 2005 als großer Wurf gefeiert, zeichnet sich mehr durch politische Korrektheit und groteske Komik als durch Thrillerqualitäten oder literarische Originalität aus. Verglichen mit T.C. Boyles üppiger "Wassermusik" oder gar Joseph Conrads "Herz der Finsternis" ist diese Pandora-Büchse ziemlich leer: Zu bieder Stil und Metaphorik, zu langatmig das Gemetzel im Mittelteil, zu routiniert postmodern der Schluss; und auch die Übersetzerin leistet sich gelegentlich Aussetzer: "Weil das Blut den Verstand aussetzte, entglitt William oft der Panzer und der klatschte gegen Marcus' Hacken".

Literatur verwandelt nach Thomsons Erfahrungen "menschlichen Abschaum in Gold", im Dschungel gelegentlich auch die Tränen edler Wilder in Diamanten. Natürlich ist "Pandora im Kongo" kein Groschenroman: Das "Tauziehen zwischen der absoluten Liebe und dem absoluten Grauen" ist stets unterlegt mit ironischen Zwischenrufen und selbstreflexiven Schleifen. Aber je tiefer Piñol in Urwald und Unterwelt vordringt, desto mehr drängt sich der Eindruck auf, dass er weder dem Stoff noch der ehrgeizigen Konstruktion seines Romans ganz gewachsen war.

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Albert Sanchez Pinol:
Pandora im Kongo.
Aus dem Katalanischen von Charlotte Frei,
Fischer, Frankfurt am Main,
478 S., 19,90

Berliner Zeitung, 11.10.2007