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Ian McEwan: Am Strand
Bevor der Sommer zu Ende ist
Der neue Roman "Am Strand" von Ian McEwan
Martina Doering
Es ist Liebe. Oder zumindest das, was jeder der beiden dafür hält. Edward und Florence heiraten, im England Anfang der 60er-Jahre. Das ist eine Zeit, in der weder Eltern noch Freunde Hilfestellung für Verliebte geben. Sex ist ein Tabu-Thema und Psychotherapeuten noch nicht in Mode. Behutsam, trotz gnadenlos-detaillierter Beschreibungen zurückhaltend und in einer eigentümlich zeit-adäquaten Sprache schildert Ian Mc Ewan in seinem kleinen, neuen Roman "Am Strand", wie sich zwei Menschen kennenlernen, sich ineinander verlieben, heiraten - und in der Hochzeitsnacht dramatisch und für immer scheitern.
Ian Mc Ewan malt leicht wie mit Pinselstrichen die Szenerie: das Landhaushotel am Strand von Chesil-Beach, das quälende Abendessen nach der Hochzeit, die verschwitzten Kellner, die verklemmt-linkischen Brautleute. Die Radionachrichten skizzieren das England auf der Schwelle von der Nachkriegszeit in das Zeitalter ohne Kolonien, aber mit Wirtschaftsaufschwung, Atomwaffen und der Pille.
Hilflos hörten sie den Nachrichten zu "und wussten, wie kläglich es doch war, dass sich ihre Aufmerksamkeit . auf die Neuigkeiten richtete. Es war ihre Hochzeitsnacht, aber sie hatten sich nichts zusagen."
In Rückblenden wird die Vorgeschichte des ungleichen Paares erzählt. Edward stammt aus einem desolaten Elternhaus in der ländlichen Provinz, er studiert und bleibt trotzdem ein Bursche vom Land: derb und fest, dem Fußball, dem Bier und sinnlichen Genüssen zugetan. Auf einer Anti-Atom-Veranstaltung trifft er die Violonistin Florence. Sie kommt aus einem kalten Bürgerhaushalt, steht dem Leben hilflos gegenüber und meistert es nur mit der Violine in der Hand. Jeder will sein bestes geben, um den anderen glücklich zu machen. Nur wissen sie nicht, was der andere will.
Was sie zusammenbringt, eine Zeit lang hält und schließlich auseinander treibt, ist eine Kette von Zufällen, Missgeschicken und Missverständnissen. Sie reden nicht miteinander und und missinterpretieren sich darum um so gründlicher.
Ihr graust vor jedem Kuss. Er hält ihre Distanz für gezügelte Glut. Nach der desaströsen Hochzeitsnacht gehen sie an den Strand und danach für immer auseinander. Jeder macht seinen Weg, keiner der beiden aber wird dabei sein Glück finden. Florence und Edward sind Königskinder. Sie konnten zusammen nicht kommen, denn das Wasser war viel zu tief.
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Ian McEwan: Am Strand. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes Zürich 2007. 207 S., 18,90 Euro.
Berliner Zeitung, 22. August 2007
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