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Martin Mosebach: Der Mond und das Mädchen.
Herr von Groß und Frau von Klein
Wie konservativ ist Martin Mosebach? Sein neues Buch "Der Mond und das Mädchen"
Harald Jähner
Martin Mosebach ist ein Schriftsteller, der Sofa mit ph schreibt. "Ina lag im Wohnzimmer auf dem Sopha", heißt es in seinem soeben erschienenen Roman "Der Mond und das Mädchen", obwohl schon Meyers Konversationslexikon in der Ausgabe von 1896 bei "Sopha" auf "Sofa" verweist und erst dort die Erklärung liefert, was es mit dieser Art Liege auf sich hat. Martin Mosebach benutzt "Sopha" vermutlich aus demselben Grund aus dem er gerne "angelegentlich" schreibt oder für den Gast das Wort "Konvive" verwendet. Er liebt das Unmodische und Vormoderne mit all seinen Reizen und profitiert von der Komik, die sich aus unzeitgemäßen Vokabular wie von ganz allein ergibt. Ein bisschen erinnert das an den gewitzten Oberschüler, der unter dem Gelächter seines Freundeskreises in der Kneipe ein Bier bestellt mit den Worten: "Noch einen Halben, Herr Wirt, aber mess er christlich!"
Martin Mosebach ist bekannt dafür, dass er die katholische Messe wieder nach tridentinischem Ritus nur lateinisch und mit dem Rücken des Priesters zum Publikum gelesen haben will. Er gibt sich gerne auf Form bedacht und sonnt sich im exquisiten Schein des Konservativen alter Schule. Seine Romanfiguren entsprechen allerdings eher Schwund- und Restformen des Bürgerlichen oder arbeiten - als Hochstapler - an ihrer gediegene Fassade. Die Frage, die gegenwärtig die Literaturkritik entzweit, lautet: Wie konservativ ist Martin Mosebach wirklich? Vor allem: Wie rückwärtsgewandt ist eine Literaturszene, die den in diesem Jahr mit dem Büchner-Preis ausgezeichneten Mosebach als bezaubernd und erfrischend feiert, wo er doch, wie Dirk Knipphals und Marius Meller in der Taz und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung meinten, nur abgestandenes Retrozeugs schreibt, oftmals bloß schlichten Kitsch?
Mosebachs neuester Roman ist eigentlich eine Novelle: Der frischverheiratete Hans bekommt seine erste Anstellung in einer Bank in Frankfurt. Beflissen, aber ganz unsicher unternimmt er die Schritte, die es braucht, eine bürgerliche Existenz zu etablieren. Er sucht eine Wohnung für sich und seine junge Frau Ina, die derweil mit ihrer engherzig boshaften Mutter, einer (hier spricht der Name!) Frau von Klein, auf Capri Urlaub macht. Hans findet auch eine Bleibe, aber nur am Baseler Platz in der Nähe des Bahnhofs - einer schlecht beleumdeten, architektonisch charakterlosen Gegend, die gewiss unpassend wirken wird auf Ina und erst recht auf die ansprüchliche Mutter von Klein.
Nicht nur ist die Wohnung schäbig, im Hof trifft sich auch bis spät in die Nacht regelmäßig bei Wein und Bier ein für Frankfurt so typisches Häufchen Zugereister aus Marokko, Äthiopien und wo auch immer her, die mit allerlei Immobiliengeschäften, Im- und Export ihr sicheres Auskommen haben, vorneweg der dominante arabische Hausmeister Souad, der sogleich das Kommando über Hansens Geschicke übernimmt.
Die Wohnung wird geweißelt, das vorhandene Sopha frisch bezogen, ein paar Möbel besorgt und schon kann Ina kommen. Kaum ist die zarte, "muschelige" Person jedoch in der Stadt, macht sich eine Taube über das Schlafzimmer her, kackt im Kreise flatternd Bett und Boden voll und bleibt dann tot auf dem Teppich liegen. Das ist wie bei Hitchcock in seiner Freudschen Phase: Stell dir vor, schreit Ina, ich wäre nackt aus der Dusche gekommen und da wäre die Taube gewesen! Von nun an geht's bergab. Ina, ohnehin von der etwas spröden Art, die Hans beim Sex immerzu fragen lässt, ob es weh tut, bleibt nun gänzlich zugeknöpft. Angstzustände und Schwermut überfallen sie.
Hans dagegen verfällt den Reizen eines ihm ganz wesensfremden intellektuellen Paares, das ein Stockwerk tiefer wohnt: einer ebenfalls ihm muschelig erscheinenden Schauspielerin aus der Welt des Regietheaters, und einem herumschwadronierenden Kunsthistoriker, "in seine freundliche Ironie gehüllt wie in eine bequeme Hausjacke". Zu dritt landen sie im Bett, der Hausherr allerdings vorerst schlafend. "So verborgen, mit so wenig äußerer Bewegung und Aktion, so schnell und erfahren wurde die Liebe vielleicht nicht einmal in einem von der ganzen Sippe bewohnten Mongolenzelt gemacht".
Martin Mosebach erzählt von dem nur wenige Tage benötigenden Niedergang der jungen Ehe mit boshaftem Genuss. Das Buch liest sich heiter in einem Zug weg. Die Unsicherheiten der jungen Menschen wirken umso delikater, je sicherer Mosebach von ihnen erzählt. Gewandt hält er sein Personal in der Gewalt. Die kosmopolitische Hofversammlung, die er liebevoll als echte Fremde beschreibt, steigert das Unwohlsein des Paares, das sich verhext fühlt wie im Sommernachtstraum. Hinzu kommen, meisterhaft vergegenwärtigt, die drückende Hitze über Frankfurt, die Leere der blässlichen, flimmernd heißen Straßen. Und dann dieses anmutig altmodische Deutsch aus einer Zeit, die das Wort Selbstverwirklichung noch nicht kannte. Im Büro beispielsweise wird Hans trotz der Hitze "hart herangenommen", so wie einst die Pimpfe und Sportkameraden. Wie beim frühen Thomas Mann ziehen Mosebachs Figuren als Schüler des Lebens durch das Buch, geführt vom allwissenden Autor, der sich freilich zum Pädagogen nicht eignet. Dafür hat er zu viel Spaß am Scheitern seiner Objekte.
Konservativ ist an Mosebachs Roman die Annahme, die Menschen seien wirklich so klein, wie das, was von ihnen auf diese Weise erzählbar ist. Die Hoffnung jeder experimentierenden Literatur, es gebe noch etwas von uns zu entdecken im Jenseits der geläufigen Formen, scheint dem Pessimisten Mosebach völlig fremd zu sein. Ein ästhetisches Jenseits findet Mosebach allerdings in der würdevolle Eleganz aus der Fremde, beispielsweise in der greisen Despina Mahmouni aus besagter Hinterhofrunde, die etwas fast Aristokratisches ins Haus bringt. Und prompt fängt er an zu schwafeln: "Sie war so mager wie die Herzogin von Windsor, die Knochen des Gesichts und der Hände traten vor in jener erbarmungslosen Eleganz, die der Nordmensch mit dem Typus der spanischen Hofdame alten Stils verbinden mag, einer allwissenden, alles verschweigenden, alles bedenkenden Dueña höchsten Niveaus." Solch unseriöse Verbindung von Superlativen mit großer Vagheit ist bei Mosebach selten, sie ist aber verräterisch genug. Dieser sich so spöttisch gebende Realist ist eben auch ein Schwärmer - zumindest, wenn es um die Monarchie geht.
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Martin Mosebach: Der Mond und das Mädchen. Hanser, München 2007. 192 S., 17,90 Euro.
Berliner Zeitung, 16.08.07
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