Bücher

Emma Braslavsky: Aus dem Sinn.
Emma Braslavsky: Aus dem Sinn.

Sauerbraten und Apfelstrudel

Emma Braslavsky erzählt in ihrem Debütroman über eine sudetendeutsche Familie von der Nazizeit bis 1969

Katrin Schings

Emma Braslavskys Heimatroman ist ein Heimatvertriebenenroman, in dem oft die Heimatspeise Sauerbraten gegessen wird. Und wenn es ein ganz besonderer oder über die Maßen trostbedürftiger Tag ist, gibt es auch noch Apfelstrudel. Es wird nicht viel gelacht in "Aus dem Sinn", aber sie sind auch kein Volk von Traurigkeit, die Sudetendeutschen.

Von denen möchte man ja eigentlich gar nichts hören, denn man befürchtet schlimmsten Revisionismus, wenn nur der Name fällt. Dass man das Leben und Vertriebenenleid der Sudetendeutschen auch anders anpacken kann als mit landsmannschaftlichem Engagement oder der Abscheu vor deren Trachtenveranstaltungen, zeigt der Roman von Emma Braslavsky. Es ist ihr erster und sie erscheint mit Jahrgang 1971 ziemlich jung für eine groß angelegte Vertriebenengeschichte. Soeben wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis dafür ausgezeichnet. Aber ihr Familienhintergrund macht es bei entsprechendem Interesse für die jüngere Vergangenheit doch plausibel, dass sie in der Thematik zuhause ist. Ihre Eltern kommen beide aus Vertriebenenfamilien, der Vater aus einer sudetisch-katholischen und die Mutter aus einer evangelisch-schlesischen. Darüber hinaus floh Emma Braslavsky 1989 mit ihren Eltern über Ungarn aus der DDR, für die sie, das wird sehr deutlich, nicht viel übrig hat.

"Aus dem Sinn" erzählt das Schicksal einer sudetendeutschen Familie von der Nazizeit bis ins Jahr 1969. Bis Kriegsende lebt man nicht schlecht in dem kleinen Städtchen Tuschkau im heutigen Tschechien. Der Vater Estor Meißerl ist ein eigensinniger Schuster, der schöne Schuhe macht, aber auch für die Wehrmacht viel produzieren muss. Es kommt Geld rein, das für einen späteren Hauskauf zurückgelegt wird.

Die Mutter Ella ist eine geschwätzige, bigotte Plätterin, die aber auch großherzig ist und sehr resolut werden kann. Sie ist das Zentrum des Buchs, denn sie macht zwar viel falsch, beweist in entscheidenden Momenten jedoch Stärke und sorgt dafür, dass es weitergeht. Ihr Sohn Eduard Meißerl ist ein verträumter Uhren- und Zeitfetischist. Er würde sich gern aus allem raushalten und bewahrt als sonderliche Randfigur manchmal als einziger den Überblick, vermag den jedoch nicht in wirksame Worte zu fassen.

Die Sudeten in Tuschkau unter dem Sudetenführer Konrad Henlein sind überzeugte Nazis oder Mitläufer. Die Meißerls halten sich halbwegs raus, sie verstecken sogar ein jüdisches Mädchen und ihren Vater, und das Familienoberhaupt wagt sich ein bisschen in den Widerstand. Das hilft ihnen nach Kriegsende aber nur bedingt, sie werden wie die meisten Sudetendeutschen vertrieben, weil man diese Leute nur weg haben will von tschechischem Boden. Ausgeraubt und völlig mittellos trifft sich die sudetische Bevölkerung Tuschkaus in Erfurt wieder, wo man sie auch nicht gerade mit Freuden empfängt. Außer manche natürlich, die entweder ihr schönes Geld retten konnten oder als lediglich neuuniformierte Parteifunktionäre ihr schmutziges Leben fortführen können.

Braslavsky zeichnet ein sehr differenziertes und ins Detail gehendes Bild dieser Menschen, die in Erfurt das älteste Viertel zugewiesen bekommen und wieder eng beieinander hocken. Sie beginnt ihren Roman mit dem Jahr '69 und beschreibt, durch Erinnerungen Eduards an früher unterbrochen, dieses eine lange, erst ganz harmlose, dann fürchterliche Jahr. Entsprechend arbeitet sie auch stilistisch: Solange die Dinge mehr oder weniger im Lot sind, schlägt sie gerne einen humoristischen Ton an, der ihr bis hin zu einer "Rosine, die man hätte platzen hören können" und anderen verwegenen Formulierungen nicht so recht gelingt. Daneben begeht sie den Fehler der permanenten Betriebsamkeit, die sich erst legt, als Eduard und sein Freund Paul nach einer brutal niedergeschlagenen Demonstration in Prag im Gefängnis sitzen. Hier kommt die Zeit einmal an ihr Ende. Aber der Schrecken der Idiotie und der sozialistischen Gewalt geht bald weiter. Am Ende bleibt der schwache Trost, dass auch das Oberschwein nicht mehr davonkommt.

"Aus dem Sinn" ist nicht Spitzenklasse, aber sorgfältig aufgebaut und spannend. Doch vor allem gibt ihm sein Facettenreichtum und das Fehlen jeglichen sudetischen Geschmäckles eine solide Qualität, bei der man an Schullektüre denkt.

------------------------------

Emma Braslavsky: Aus dem Sinn. Claassen, Berlin 2007. 368 S., 19,95 Euro.

Berliner Zeitung, 26.07.07

Emma Braslavsky: Aus dem Sinn. Claassen, Berlin 2007. 368 S., 19,95 Euro.