Bücher

Christoph Hein: Frau Paula Trousseau. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 540 S., 22,80 Euro.
Christoph Hein: Frau Paula Trousseau. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 540 S., 22,80 Euro.

Liebe ist eben eine dumme Geschichte

Christoph Hein erzählt von der Malerin "Frau Paula Trousseau" und noch immer vom fremden Freund

Cornelia Geissler

Es fühlt sich an wie ein Déjà-vu. 25 Jahre ist es her, dass Christoph Heins Novelle "Der fremde Freund" erschien. Bei seinem neuen Buch kommt es einem manchmal vor, als würde man sie noch mal lesen. Das macht nicht nur froh.

"Der fremde Freund", oder, wie das Buch jenseits der Mauer hieß: "Drachenblut", wurde von seinen Lesern geliebt. Zum Beispiel deshalb, weil die Ich-Erzählerin Claudia erfolgreich war, ohne eine sozialistische Persönlichkeit zu sein. Sie war nicht solidarisch und kämpferisch, sondern auf ihr eigenes Fortkommen bedacht. So eine coole, zugleich einsame Frau steht nun auch im Mittelpunkt von Christoph Heins Roman "Frau Paula Trousseau". Während die Claudia sich noch vorbetet, wie gut es ihr geht, erfährt man anhand Paulas, wie ein Lebensplan misslingen kann, der Unabhängigkeit zum obersten Gebot erhebt. "Ich stecke in keiner Krise. Meine Nerven sind vollkommen in Ordnung", sagt Claudia und führt aus, "würde ich Selbstmord begehen", stünden ihre Kollegen "vor einem Rätsel". Paula Trousseau hat diesen Schritt getan. Der erste Mensch, der davon erfährt, hatte lange nichts mehr von ihr gehört. Damit beginnt der Roman; eigentlich mit dem Rätsel, warum gerade er von der Polizei informiert wird. Auf reichlich fünfhundert Seiten wird es gelöst.

Christoph Hein benutzt dazu Rückblenden in Paulas Kindheit mit einem autoritären Vater, einer depressiven Mutter, einem nach einem Arbeitsunfall behinderten großen Bruder und der bewunderten Schwester. Wie in Draufsicht werden diese Episoden dargeboten. Paula steht zwar im Zentrum, aber es geschieht etwas mit ihr. Die fortlaufende Handlung jedoch wird von Paula selbst erzählt. Sie ist eigentlich ein langer Brief an die verlorene Tochter; eine Erklärung für die, die nicht dabei war. Eine Kette von Kausalitäten. "So was kommt von so was", würde der Volksmund sagen oder Paulas Vater. Hatte Paula in seinen Augen durch ihre frühe Heirat mit einem älteren Mann erst alles richtig gemacht, entschied sie sich dann aber für ein Kunststudium und nahm es schließlich hin, dass die Tochter bei der Scheidung dem Mann zugesprochen wurde.

Paula will für die Kunst leben. Dass sie dann auch mit einem Kunsthochschulprofessor lebt, hat bei ihr nichts mit Liebe zu tun. Ist es Berechnung? Dann hätte sie bis zu den Abschlussprüfungen bei ihm bleiben müssen. Ist es nur ein Spiel? Dann hat sie ein Stück ihrer Karriere mit verspielt. Aber sie hat einen starken Willen - wie Claudia aus dem "Fremden Freund". Paula bekommt Jahre später noch einen Sohn. Dessen Vater erfährt nichts von der Schwangerschaft, sie trennt sich von ihm: Dieses Kind soll ihr allein gehören.

Man darf davon ausgehen, dass Christoph Hein diese Variation und Fortschreibung seines lange Zeit berühmtesten Buches beabsichtigt hat. Es kann kein Zufall sein, dass Claudia in der Novelle ihrer Kindheitsfreundin Katharina nachtrauert und Paula mit ihrer Schulfreundin gleichen Namens die stabilste Beziehung in ihrem Leben erfährt. Die hält noch, als ihr Sohn erwachsen geworden ist. Doch vor dem letzten, endgültigen Schritt kann auch Katharina Paula nicht abhalten. Zwar blieben nach der Wende die Arbeitsaufträge für die Malerin aus. Doch ihre Isolation von anderen Menschen hat Paula nie als Manko beschrieben. Sie hatte Distanz angestrebt.

Man macht es sich zu einfach, wenn den Roman so interpretiert, dass Christoph Hein Fragen aufwerfen wollte, die sich in der DDR nicht stellen ließen. Denn was er hier an staatlichen Zwängen erwähnt, hätte er so auch in der DDR ausgesprochen; dieser Autor führte einen Dauerkrieg gegen die Zensur. "Der fremde Freund" war damals eine Provokation.

Kurz nach der deutschen Vereinigung veröffentlichte Christoph Hein eine Novelle über einen Mann, der auch stets auf seinen Vorteil bedacht war, ebenfalls in Rollenprosa geschrieben, "Das Napoleonspiel". Das Buch hat keinen tieferen Eindruck hinterlassen. Vielleicht, weil ein Mann sprach. Die Frauen-Perspektive scheint ihm mehr zu liegen. Großartig sind die Selbstbetrachtungen Paulas als Schwangere, ihr Hineinhören in den Körper. Und unerwartet zart erscheint Paula, als sie, die von Männern umschwärmte, zum ersten Mal von einer Frau verführt wird.

Andererseits könnte die gegenüber der Novelle neue Frage, inwieweit man sich selbst der Kunst opfern darf und wie ernst es dem Publikum mit dieser Kunst ist, auch den Autor selbst beschäftigen. Paula, die sich nach Ansicht eines ihrer Hochschullehrer mit der Kunst vor dem Leben schützen wollte, verliert dabei das Leben. Der Autor bietet ziemlich früh dafür eine Erklärung an, die er dem Mann in den Mund legt, der eingangs als erster über ihren Tod informiert wird. Sie sei "unfähig zu lieben". Das wird in unterschiedlichen Worten von anderen wiederholt - von "Du bist wirklich eiskalt" bis "Und du hast jetzt ein Herz, schöne Frau?" - und leider sehr plakativ auch von ihr selbst: "Liebe ist eben eine dumme Geschichte". Die kühle Paula bleibt unsympathisch. Provozieren kann Christoph Hein mit so einer Figur heute nicht mehr. Der Mensch ist ein soziales Wesen, so oder so. Weil man das aber sehr schnell begriffen hat, wächst im Lauf der Lektüre die Enttäuschung.

Christoph Hein: Frau Paula Trousseau. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 540 S., 22,80 Euro.

Berliner Zeitung, 3.5.2007