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Ian Buruma: Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo van Gogh.
Ian Buruma: Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo van Gogh.

Vom Calvinismus zum Islamismus

Ian Buruma erforscht in "Die Grenzen der Toleranz", wie ein Mord die Niederlande erschütterte

Christian Esch

Als der junge Mohammed Bouyeri den Regisseur Theo van Gogh ermordet hatte und in aller Ruhe sein Gewehr nachlud, rief ihm eine Passantin zu: "Das können sie doch nicht tun!". "Doch, kann ich", sagte Bouyeri ruhig. Er hatte van Gogh vom Fahrrad gestoßen, aus nächster Nähe auf ihn geschossen, ihm die Kehle durchgeschnitten und dann mit einem zweiten Messer einen Zettel an die Brust des Toten geheftet. Er hatte vor aller Augen gezeigt, was er alles tun konnte. Nur der letzte Teil seines Planes missriet: Die Polizei erschoss ihn nicht, wie er gehofft hatte.

Das war am 2. November 2004. Die holländische Gesellschaft geriet in jenem Winter aus dem Gleichgewicht, in einen Zustand, der von Beobachtern als Hysterie beschrieben wurde oder als "moralische Panik" - so der Untertitel eines Essays von Geert Mak, der bei Suhrkamp erschien. Es kam zwar nicht zu der Gewaltwelle, die man befürchtet hatte, aber zu schrillsten Äußerungen in den Medien und der Politik.

Ian Buruma, Inhaber eines Lehrstuhls für "Demokratie, Menschenrechte und Journalismus" am Bard College New York, hat sich daraufhin als Reporter zurück in das Land seiner Geburt begeben, um dessen seelische Erschütterung nachzuvollziehen - immer mit der Frage im Kopf, was man daraus lernen kann für das Zusammenleben in einer Gesellschaft mit vielen muslimischen Immigranten. Er recherchierte zugleich als jemand, der mit van Gogh zwar nicht befreundet, aber bekannt gewesen war; "wir hatten gemeinsame Freunde", schreibt er.

Der Mord an van Gogh traf ein Land, dessen Mehrheit von der Friedlichkeit und Überlegenheit seines Gesellschaftsmodells tief überzeugt war. Dieses Modell, wie Buruma es beschreibt, verbindet politischen Konsens und soziale Absicherung mit maximaler Redefreiheit. Die "Erhebung der Grobheit zum moralischen Ideal", wie van Gogh sie pflegte, ist etwas sehr Holländisches.

Hatte eben das im 26-jährigen Bouyeri, der sich doch zuvor in Stadtteil-Treffs engagiert hatte, Hass erzeugt? Fühlte er sich durch die Ausfälle gegen Muslime - van Gogh nannte sie "Ziegenficker" - beleidigt? Bouyeri verneinte das ausdrücklich am Schluss des Gerichtsprozesses - den er zuvor schweigend verfolgt hatte. Er habe überhaupt nicht als Marokkaner einen Holländer umgebracht. Er habe vielmehr nach seinem Glauben gehandelt und hätte ebenso seinen eigenen Vater oder Bruder umgebracht, wenn es nötig gewesen wäre. Er richtete diese Worte nicht an den Richter, sondern an van Goghs Mutter - mit der seltsamen Bemerkung, er könne ihren Schmerz nicht fühlen, erstens da er keine Frau und zweitens da sie eine Ungläubige sei.

Die strenge Linie, die Bouyeri so zwischen den Gläubigen und den Nichtmuslimen zieht, wird auch von anderer Seite gern markiert. Eine grundsätzliche Fremdheit des Islam wird konstatiert, am schärfsten von Ayaan Hirsi Ali. Sie war es, die das Drehbuch zu van Goghs islamkritischem Film "Submission" geschrieben hatte und der zuerst der Drohbrief galt, den Bouyeri auf der Leiche des Regisseurs hinterlassen hatte. Die Immigrantin aus Somalia hatte sich zur erfolgreichen Politikerin entwickelt und zugleich von einer gläubigen Frau zur scharfen Kritikerin des Islam.

Ian Buruma ist spürbar bemüht, die dicke Trennlinie zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen selbst nicht zu ziehen. Er bewundert Hirsi Ali, aber kritisiert sie zugleich; man werde die fundamentalistische Gefahr sicher nicht besiegen, wenn man alle gläubigen Muslime ausgrenze. Wer eine Minderheit angreife, solle sich nicht in die Pose Voltaires werfen. Diese Kritik hat ihm seinerseits Vorwürfe in einer etwas überhitzten Debatte auf der Internetseite Perlentaucher eingebracht.

Immer wieder versucht Buruma, Fremdes und Eigenes ineinander zu spiegeln. Van Gogh starb auf dem Weg zur Arbeit, wo er einen Film über den Mord an Pim Fortuyn 2002 drehte. Ein fanatischer Tierschützer hatte den tuntigen Rechtspopulisten umgebracht. Waren nicht beide Morde, der des Islamisten und der des Veganers, Morde aus Prinzip? Und ist das rigide Auslegen moralischer Prinzipien nicht etwas Calvinistisches, Urholländisches? Oder, umgekehrt: Steckt in Ayaan Hirsi Alis radikalem Eintreten für die Aufklärung nicht etwas vom Glaubenseifer, den sie als junge Schülerin einer islamistischen Lehrerin empfand? Zeugt nicht auch Pim Fortuyns Verbitterung über gläubige Muslime davon, wie schwer ihm die eigene Ablösung vom Glauben fiel?

Das sind psychologische Mutmaßungen.Sichereren Gewinn hat der Leser, wenn er Burumas Gespräche verfolgt: Der Gefängnisimam Ali Eddaoudi etwa sieht in den Subventionen des Sozialstaates ein Problem; der Politiker Frits Bolkestein warnt davor, den Hass der Holländer auf türkische und marokkanische Immigranten zu unterschätzen; der muslimische Schauspieler Farhane El-Hamchaoui, der seine Karriere van Gogh verdankt, verurteilt dessen Ermordung - besonders, dass sie am Ramadan geschah; der Geschichtslehrer Abdelhakim Chouaati interessiert sich für holländische Geschichte kaum, beschimpft aber den liberalen muslimischen Stadtrat Ahmed Aboutaleb sehr holländisch als "NSBler", also als Nazikollaborateur; Aboutaleb wiederum, ein gläubiger Muslim, fühlt sich in einem Zweifrontenkampf aufgerieben; der Psychiater Bellari Said berichtet, dass junge Marokkaner der zweiten Generation zehnmal so oft an Schizophrenie erkranken wie Niederländer.

Die Männer haben eben, so Said, eine weit größere Anpassungsleistung zu erbringen als ihre Schwestern, die sich ohnehin weniger frei bewegen können. Gerade deshalb suchen manche jungen Männer eine autoritäre Ordnung - und zwar eine, die ihre engen Herkunftstraditionen überwölbt. Der radikale Islam, wie ihn Bouyeri sich mühsam aus englischen Webseiten zusammenbastelte, erhebt nicht weniger den Anspruch auf Universalität als die Aufklärung.

Bei einem Länderspiel gegen die Deutschen in Rotterdam beobachtet Buruma seine Landsleute. Die Fans - alles Weiße, keine Immigranten - hüpfen in heiterer Wut in Holzschuhen oder mit Windmühlen auf dem Kopf herum und rufen Parolen, als sei der Zweite Weltkrieg eben erst vorbei. "Es war die Rückkehr in ein erfundenes Land, nicht wirklicher als die moderne Phantasie eines holländischen Muslim von der reinen Welt des Propheten". Ein seltsam bemühter Vergleich - aber immerhin geschrieben in der Zuversicht, dass beide Phantasien einmal gleich friedfertig werden.

Ian Buruma: Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo van Gogh. Hanser Verlag, München 2007. 255 S., 19,90 Euro.

Berliner Zeitung, 24.4.2007