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Yasmine Ghata: Die Nacht des Kalligraphen.
Gedichte auf dem Bettlaken
Yasmine Ghata erzählt in ihrem ersten Roman von ihrer Großmutter und den Schreiberlingen Allahs
Cornelia Gellrich
Glücklich, wer seine Großeltern rechtzeitig verhört hat, bevor das Zeitliche sie segnete. Es lassen sich vortrefflich Bücher aus ihren Lebensgeschichten gewinnen. Yasmine Ghata, Expertin für islamische Kunstgeschichte, verfasste auf diese Weise ihr erstes Buch. Und weil die Großmutter der französischen Autorin Türkin war, geht es nicht um Nazis, sondern um Kalligraphie.
Kalligraphen sind Meister der schönen Schrift. Die arabische Kaligraphie glänzte besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts im osmanischen Reich. Das Bilderverbot in Bezug auf Allah wurde für die Gläubigen erträglich gemacht durch die Schönheit seines geschriebenen Namens.
Hier beginnt die Geschichte von Rikkat Kunt. Deren Leben bestand im Wesentlichen aus einem leisen Kampf gegen die Dominanz der Männer ihrer Zeit und einer wahnsinnigen Leidenschaft für die Kalligraphie. Das Niederschreiben der heiligen Worte war eigentlich Männersache. Rikkat gelang es trotzdem, in dieser Disziplin zu Ruhm zu gelangen, sie gleichzeitig zu erneuern, die strengen Traditionen aufzubrechen. Zwei Ehemänner, lieblos und egozentrisch gleiten durch Rikkats Leben, zwei Söhne entstehen, der Zweite Weltkrieg tobt vor der Tür - Rikkat bekommt all das nur am Rande mit. Denn Kalligraphen "befinden sich außerhalb der Zeit, außerhalb von sich selbst." Als Atatürk das arabische Alphabet verbietet, schreibt Rikkat mit den Fingern unsichtbare Gedichte auf ihr Bettlaken. Es geht in Yasmine Ghatas erstem Roman nicht wirklich um das Leben ihrer Großmutter.
Es geht um Besessenheit. Diese wird greifbar, wenn sie ihre Figur mit diesen fremdartig-blumigen, gefühlvollen Worten von der Kalligraphie sprechen lässt, von ihrem Schreibexzessen und umhegten Werkzeugen. Diese unbedingte Leidenschaft scheint Rikkat Kunt die Kraft zu geben, die es braucht, um so erfolgreich zu sein in diesem Beruf, der erstens Männern vorbehalten und zweitens jahrelang verboten ist im Zuge der Etablierung der lateinischen Schrift, um außerdem ihre Berufstätigkeit, Selbstständigkeit, schließlich die Scheidungen von ihren herrschsüchtigen Männern, gegen ihre Familie durchzusetzen. Gleichzeitig entgleitet ihr ein Kind, während sie schreibt, geht ihre Schwester ins Wasser, sterben Verwandte und geschehen politische Umbrüche, die sie nur am Rande miterlebt. Rikkats Welt ist zusammengeschrumpft auf ihren Schreibtisch, das Papier, die Feder, die Tinte.
Leidenschaft gibt übermenschliche Energie und macht zugleich egoistisch, einsam. Kalligraph zu sein, bedeutet auch, unbeirrbar am gestrigen festzuhalten, denn diese Kunst ist natürlich durch Druck und Elektronik lang schon überholt. In einem Punkt aber ist die Kalligraphie dann doch wieder sehr zeitgemäß: "Die Welt hat sich verändert und die Geste hat den Buchstaben ersetzt", erkennt Rikkat, die ansonsten von den Veränderungen der Welt nicht allzu viel mitbekommt.
Aber gerade die Kalligraphie ist eine Methode des Schreibens, die, absolut körperlich, durch und durch von Gesten bestimmt wird: Die Tinte muss ja erst Zaubertrankgleich gemixt werden aus diversen vorher zu sammelnden Kräutern und Extrakten. Die Feder muss gespitzt, geteilt, das Papier geschliffen werden. Während des Schreibens darf nicht geatmet werden, da Gott anwesend ist, solange die Tinte noch feucht ist.
"Das Blut der Kalligraphen unterscheidet sich von dem der anderen Menschen, es wird dunkel im Kontakt mit Tinte, ihre Wunden trocknen schneller. Die Kalligraphen schreiben in sich hinein, dann lassen sie ein Stück ihres vom Alphabet geschwärzten Fleisches sehen." Rikkats Lehrer früher hatte nur noch einen einzigen Zahn, aber der, so glaubte er, gab seinem Körper beim Schreiben die nötige Balance.
Rikkat selbst sticht gegen Ende ihres Lebens mit der Schreibfeder nicht mehr ins Papier, sondern in ihren Arm, ohne es zu merken. Und da Kalligraphen ihre Zeit und Kraft nicht auf das Lieben verschwenden sollen, hat ihr sakrales Handwerk etwas tief Erotisches. Rikkat Kunt ist bereits tot, als sie ihre Geschichte erzählt. Auch das ist typisch für diese Gott durchwirkten Wesen: Sie treiben sich lange Zeit als Untote herum, um von ihrer Arbeit zu sprechen, bevor sie wirklich sterben.
Yasmine Ghata: Die Nacht des Kalligraphen. Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Ammann, Zürich 2007. 154 S., 17,90 Euro.
Berliner Zeitung, 29.3.2007
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