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Massimo Carlotto: Arrivederci amore, ciao.
Anleitungen zum Verbrechen
Der Exterrorist Massimo Carlotto erfindet einen reulosen Ex-Terroristen
Brigitte Preissler
In einem Lied der italienischen Schlagersängerin Caterina Caselli heißt es: "Man bräuchte ein derart reines Herz/Dass man in diesem Schlamm den klaren Himmel sehen könnte/Man müsste wirklich lieben/Nur keine Angst". Die Schnulze heißt wie Massimo Carlottos Roman "Arrivederci amore, ciao", und Carlottos Held Giorgio legt sie immer beim Sex mit seiner Freundin auf. Ansonsten hat er wenig Sinn für Sentimentalitäten - in seiner Seele ist es düster wie in einer sizilianischen Pizzeria bei Stromausfall.
Einst in Italien in der linken Terroristenszene aktiv, flohen Giorgio und sein Freund Luca vor der Justiz in den zentralamerikanischen Urwald. In einem Camp europäischer Ex-Terrroristen knallte Giorgio seinen Freund eines Nachts hinterrücks ab - nur um sich bei einem Guerilla-Comandante beliebt zu machen. In den 90er-Jahren kehrt er nach Italien zurück, verkürzt seine Haftstrafe, indem er seine Genossen verpfeift, und nach seiner Entlassung ist ihm jedes Mittel recht, um wieder als ehrbarer Bürger anerkannt zu werden. Dummerweise tauchen ständig Ex-Komplizen oder unliebsame Mitwisser auf, die diesen Plan durchkreuzen könnten. Ob es sich um kroatische Ustasa-Kämpfer oder um seine Verlobte handelt - der Möchtegern-Saubermann bringt sie kurzerhand um die Ecke.
Massimo Carlotto ist in Italien ein bekannter Krimiautor; wie Giorgio war er einst in der linksradikalen Szene aktiv und saß jahrelang im Gefängnis, hatte jedoch - anders als sein Protagonist - den ihm angelasteten Mord nicht begangen. Sein Roman ist indes nicht nur das autobiografisch gefärbte Porträt eines verkommenen Subjekts, sondern auch ein gesellschaftskritisches Sittenbild Italiens.Denn so genüsslich er Giorgios Gemeinheit überzeichnet, wird sie doch dadurch relativiert, dass seine Gegenspieler auf den besseren Plätzen der Wirtschafts-"Lokomotive" Norditalien ebenso verdorben sind: Ein angesehener Komissar assistiert Giorgio bei seinen Raubmorden; ein nobler Anwalt beauftragt ihn mit gewalttätigen Geldeintreibereien, und die verdientesten Parteigänger der Mitte-Rechts-Regierung, die in Giorgios Edelrestaurant aus und ein gehen, sind am tiefsten in das Korruptionssystem verstrickt, da s 1992 ans Tageslicht kam. In diesem Sündenpfuhl besteht kein Unterschied zwischen kriminellen und legalen Geschäften; vor lauter Schlamm ist wirklich nicht das kleinste Fitzelchen Himmel mehr zu sehen.
Das mag ein etwas klischeehaftes Bild Italiens ergeben, doch die Überzeichnung hat einen interessanten Effekt: So bald man überzeugt ist, dass Giorgio auch nicht gemeiner ist als die anderen, identifiziert man sich mit ihm; wie bei einem Computer-Ballerspiel empfindet man sogar Genugtuung, wenn dieser egozentrische Typ einen Feind nach dem anderen umnietet.
Für Literatur gelten andere Bewertungsmaßstäbe als für die einschlägigen Games: Kein Rezensent kritisierte den Roman bisher als gewaltverherrlichend; statt als Verbrechensanleitung gilt Carlottos provokantes Einfühlungsangebot als genialer Kunstgriff. Und tatsächlich kann man den Roman all jenen, die einen Platz in der bürgerlichen Gesellschaft innehaben und somit nicht als Nachahmungstäter in Frage kommen, nur wärmstens ans Herz legen: Spannender als bei Carlotto kann man die perversen Seiten an sich selbst kaum kennen lernen.
Massimo Carlotto: Arrivederci amore, ciao. Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Tropen, Berlin 2007.192 S., 18,80 Euro.
Berliner Zeitung, 15.3.2007
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