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David Mitchell: Der Wolkenatlas.
Fröhlicher Untergangsreigen
David Mitchell verhebt sich ein wenig an seinem monumentalen "Wolkenatlas"
Brigitte Helbling
Seit seinem Erstling "Chaos" (1999) steht der 1969 geborene Brite David Mitchell für eine englische Autorengeneration der Globalisierung: weltgewandt, motivisch unerschrocken, und immer wieder Booker-Prize-verdächtig. Mitchell, ein wahrhaft großer Erzähler, hat eine Schwäche für knifflige Konstruktionen. Auch sein dritter Roman, "Der Wolkenatlas", ist nach dem Prinzip einer russischen Matroschka aufgebaut.
Ausgehend von einer Südseereise im Jahr 1850 werden in fünf chronologischen Sprüngen fünf Erzählungen angefangen und dann mittendrin abgebrochen, bis wir mit der sechsten endlich am Endpunkt, in der fernen Zukunft angelangt sind. Das Ende unserer Zivilisation, das Ende des Erzählens. Von diesem zentralen Holzpuppenbaby aus werden dann in fünf Sprüngen rückwärts die angefangenen Erzählungen beendet, bis wir wieder im Jahr 1850 angelangt sind. Wie ist es da? Eigentlich gar nicht so anders wie in der Endzeit. Der Unterschied ist nur, dass wir noch obenauf sind, und irgendwann werden wir es nicht mehr sein.
Erzählspiele. Mitchell erzählt nicht nur aus sechs ganz verschiedenen Zeiten und von Orten rund um die Welt; jede Etappe hat auch ihre eigene Erzählform. Das geht vom Südsee-Tagebuch zum sentimentalen Briefroman, vom Wirtschaftsthriller zur Gesellschaftskomödie, vom Science Fiction zum Fantasy-Roman. Dank einer herkulischen Übersetzungsleistung von Volker Oldenburg kommt der Roman daher, als hätten sich Daniel Defoe, Goethes Werther, John Grisham, Tom Wolfe, Margaret Atwood und Russell Hoban aus der "Riddley Walker"-Periode die Hand gegeben zu einem fröhlichen Reigen des Untergangs. Vielleicht kommt der Reigen allzu glatt gebürstet daher. Für sich genommen ist jedoch jede Etappe ein Genuss, und ihre pfiffigen Verknüpfungen gehören zweifellos zu den glücklicheren Effekten von Mitchells Konstruktionswahn.
Zum Beispiel Somni-451. In einer nicht so ganz fernen Zukunft ist sie ein Klon, genetisch verändert, um freudestrahlend die Gäste einer Asia-Restaurant-Kette zu bedienen. Die vorgeschriebenen Rituale dieser Kette erinnern an Nordkorea, bestimmt kein Zufall. Aber Somni hat durch die Schlampigkeit eines Studenten zu einer Intelligenz gefunden, die ihrem Code nicht eingeschrieben war, und als enfant sauvage der Zukunft entdeckt sie das literarische Welterbe neu. Das fliegt schnell auf. Welcher Student liest schon freiwillig innerhalb kürzester Zeit das "Gilgamesch-Epos", Ireneo Funes "Erinnerungen" und Gibbons "Verfall und Untergang"? Ein Laptop, eine zentralisierte Bibliothek: Mehr braucht es nicht, um diesem unnatürlichen Textkonsumenten auf die Spur zu kommen. Somni wird sterben, die Kapitel, die sie beschreiben, sind ihr Testament. Aber sie wird wieder auferstehen: als Gottheit in der Endzeitwelt eines halbwilden Ziegenhirten.
Oder die Briefe des Robert Frobischer. Enterbt von seinem britischen Vater macht der geniale junge Komponist 1930 seinen Weg nach Brüssel, wo er im Haus seines Idols, eines von Syphilis zerfressenen alten Musikers, eine Anstellung findet, von dessen Frau verführt wird, sich in deren Tochter verliebt, ein unsterbliches Sextett komponiert ("das Wolkenatlas-Sextett") und sich dann aus Liebeskummer erschießt. In seiner Freizeit liest er mit Interesse das Tagebuch eines Südseereisenden - Inhalt des vorangegangenen Kapitels. Sein Sextett wird eine junge Journalistin betören, die 50 Jahre später einen Umweltskandal aufdeckt: Thema des Kapitels danach. Ihr Hauptinformant ist der Mann, an den Frobischer einst seine Briefe richtete.
Der "Guardian" vergleicht Mitchell mit Thomas Pynchon und Don De Lillo. Aber mit den beiden dirty old men des fulminanten literarischen Puzzlespiels hat Mitchell (noch) wenig gemein, zu sehr liebt er die festgezurrten Übergänge, die verblüffenden Symmetrien über, ausgerechnet, einem Muttermal unter dem Schlüsselbein zentraler Figuren; kurzum, Spielereien eines hochtalentierten Handwerkers. Wir freuen uns auf den Moment, wo dieser berückende Erzähler sich einer Aufgabe stellt, die ihm nicht von vornherein als lösbar erscheint.
David Mitchell: Der Wolkenatlas. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. Rowohlt, Reinbek 2006. 668 S., 24,90 Euro.
Berliner Zeitung, 26.1.2007
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