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"Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch"
"Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch"

Flauschige rosa Granate mit Körbchengröße D

In "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" erzählt Marina Lewycka von lautstark kollidierenden Lebensträumen

Julia Kospach

Der Schicksalshammer trifft Nadia via Telefon: "Gute Neuigkeiten, Nadeshda! Ich heirate!", krächzt ihr 84-jähriger, seit zwei Jahren verwitweter Vater "mit vor Erregung zittriger Stimme" in den Hörer. Die Auserwählte, Valentina, ist 36, und der Vater säuselt wie ein vom Liebesblitzschlag getroffener Teenager: "Die den Fluten entsteigende Venus von Botticelli. Du weißt schon: goldenes Haar, wunderschöne Augen, fantastischer Busen."

Nadia ist beleidigt ("Verräter! Alter geiler Bock!"). Die 47-jährige, linke Soziologie-Dozentin mit Gutmenschen-Überzeugungen tauscht über Nacht ihr "weiches liberales Schuhwerk gegen die Stilettoabsätze einer Vertreterin der Schickt-sie-alle-dahin-zurück-wo-sie-herkommen-Fraktion." Denn die neue, großbusige Feindin ist eine alleinerziehende Gastarbeiterin aus der Ukraine, und der liebestolle Vater muss unbedingt vor einer Ehe zu Abzock- und Einbürgerungszwecken bewahrt werden. Dass Nadias Eltern ihrerseits vor einem halben Jahrhundert als bettelarme, ukrainische Kriegsopfer nach England gekommen sind, tritt davor in den Hintergrund.

Doch der zusehends aufblühende Klein-Rentner Nikolai Majevski beweist Starrsinn, und so kommt, was Nadia und ihre radikal-kapitalistische Schwester Vera verzweifelt zu verhindern trachten: "Wie eine flauschige rosa Granate schoss Valentina in unser Leben, wirbelte trübes Wasser auf, brachte den ganzen Morast längst versunkener Erinnerungen wieder an die Oberfläche und trat unseren Familiengespenstern kräftig in den Hintern."

Das explosive Szenario ist eine großartige Ausgangsposition für den Roman mit dem skurrilen, in die Irre führenden Titel: "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch". Ausgeheckt hat ihn die britische Autorin Marina Lewycka.

Doch wer glaubt, dass die 58-jährige Debütantin Lewycka es bei einer bitterbösen Satire um greise Liebesverwirrung, hysterische töchterliche Schutzinstinkte und berechnende Zweitehefrauen mit Körbchengröße D bewenden lässt, täuscht sich gewaltig. Zwar geht es bald turbulent zu, und die ungleichen Töchter Majevski, die sich nur auf Grund des gemeinsamen Feindbildes wieder vertragen, blasen zum Angriff.

Valentina mit dem aufbrausenden Temperament und den enttäuschten Immigranten-Erwartungen vom goldenen Westen schießt scharf zurück. Sie heizt den "tittenlosen Unheilskrähen" von Stieftöchtern ebenso ein wie sie ihrem tattrigen, zusehends überforderten Ehemann das Schlafzimmer verwehrt ("Was du wollen in Schlafzimmer - he? Phh! Du doch nur pitschi-patschi, du schluffi-schlaffi!") und ihn mit unumstößlicher Logik zu Neuanschaffungen vergattert: "Dein Frau war Baba von Land. Bauernoma kocht Bauernessen. Für gebildeter Mensch Herd muss sein Gasherd, muss sein braun."

Doch immer mehr mischen sich dunklere Töne ins absurde Bild des Familienschlachtfelds. Nadia ahnt es selbst: "Ursprünglich hatte ich gedacht, diese Geschichte sei eine Farce, doch inzwischen begreife ich, dass sie sich mehr und mehr zu einer Tragödie hin entwickelt." Nicht nur Valentinas wegen. Auch die Karten der Familiengeschichte Majevski werden neu durchmischt. Der Blick auf Zwangslagererfahrungen, Kriegserlebnisse und vergangene ukrainische Katastrophen öffnet sich. Heil ist keine diese Erinnerungen; Stalinismus und Repression, Hungersnot und Verlust haben seit drei Generationen tiefe Pflugscharen quer durch die Familie gezogen - Pflugscharen, denen der Vater, ein ausgebildeter Techniker nachgeht, indem er ein Buch über die Geschichte des Traktors und dessen Rolle in Industrialisierung und Politik schreibt. Nadia, das nach dem Krieg geborene "Friedenskind", kapiert im gemeinsamen Kampf gegen Valentina langsam die drastische Geschichte ihrer zehn Jahre älteren Schwester Vera, des "Kriegskinds".

Die Schwestern mit den sprechenden, slawischen Namen - Nadeshda "Hoffnung" und Vera "Glaube" - stehen für die großen Themen von Lewyckas wunderbarem Buch. In mehreren Variationen führt sie ebenso witzig wie schmerzlich vor Augen, was passiert, wenn Glaube und Hoffnung des Einzelnen an Grenzen stoßen. Der alte Majevski, der sich die Freiheit nimmt, wider alle Vernunft auf spätes Liebesglück zu hoffen, stößt prompt auf Zero Toleranz bei seinen Töchtern. Valentina krallt sich tollpatschig und aggressiv an ihre Klischee-Vision eines besseren Lebens. Und Nadia erlebt, wie ihr jeder Werteglauben abhanden kommt ("Was ist bloß los? Ich war doch einmal Feministin."). Sie alle lässt Marina Lewycka auf ihrem laut knatternden Traktor mitfahren.

Berliner Zeitung, 26.10.2006