Bücher

Pierre Bayard: Freispruch für den Hund der Baskervilles. Hier irrte Sherlock Holmes. Aus dem Französischen von Lis Künzli. Kunstmann, München 2008. 208 S. 16,90 Euro.
Pierre Bayard: Freispruch für den Hund der Baskervilles. Hier irrte Sherlock Holmes. Aus dem Französischen von Lis Künzli. Kunstmann, München 2008. 208 S. 16,90 Euro.

Freiheit für die Fiktionen

Pierre Bayard versucht, Sherlock Holmes zu überführen

Steffen Martus

Manchen Menschen fällt es schwer, zwischen Literatur und Leben zu unterscheiden. Für sie wird die Fiktion so real, dass die Figuren der Texte zu Ansprechpartnern, zu Vorbildern oder auch zu Schreckgespenstern werden. Kinder fürchten sich wirklich vor dem bösen Lord Voldemort in "Harry Potter"; Leser von Dan Browns "Da Vinci-Code" machen sich tatsächlich auf die Suche nach dem heiligen Gral. Für den tödlichen Extremfall gibt es sogar ein eigenes Krankheitsbild: Weil sich einige Leser nach dem Vorbild von Goethes Werther eine Kugel in den Schädel gejagt haben, spricht die Medienpsychologie noch heute vom "Werther-Effekt", wenn Selbstmörder dem Muster prominenter Suizide folgen. Pierre Bayard, französischer Literaturwissenschaftler und Psychoanalytiker, hält das für unproblematisch. Er fordert Freiheit für die literarischen Figuren. Er will ihre "Rechte" als echte Personen mit Eigenleben anerkennen.

Der Autor des letztjährigen Bestsellers "Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat" liest Arthur Conan Doyles "Der Hund der Baskervilles" ganz genau. Die Erzählung ist bekannt für viele Unstimmigkeiten, und Bayard entdeckt bei seiner detektivischen Lektüre einige neue. Er wittert einen Justizskandal. Weil das Eigenleben der literarischen Figuren sogar so weit gehen könne, dass sie hinter dem Rücken ihres Autors Morde begehen, rollt er den Kriminalfall noch einmal auf. Der falsche Mörder soll entlastet, der "wahre Mörder" endlich gefasst werden. Auch dieser Versuch wurde in der Holmes-Forschung schon mehrfach unternommen, und so beginnt ein Spiel der interpretatorischen Spekulationen. Für den interessierten Leser ein anregendes Gedankenspiel; für den Literaturtheoretiker eine irritierende Provokation; für die Sherlock-Holmes-Fans eine kleine Nuss zum Knacken.

Die Idee ist also recht schön. Nur: Bayard tritt wie ein moralisierender Oberlehrer auf, der die 'naiven' Leser der letzten 100 Jahre auf mitunter recht überhebliche Weise belehrt. Er will klüger sein als Sherlock Holmes und dessen Autor Arthur Conan Doyle. Er spielt sich zum Superautor auf und dichtet die Geschichte weiter nach Maßgabe dessen, was er für plausibel hält. Mit seiner "eigenen Ermittlungsmethode", die er "vor rund zehn Jahren" selbst entwickelt habe, geht Bayard "konsequenter" vor als die Schriftsteller und ihre Detektive und bietet Lösungen an, die "geistig befriedigender" ausfallen. Dass Leser Lust daran haben, einfach den Vorgaben des Textes zu folgen, dass sie das vielleicht sogar unterhaltsam finden und dass dies - nicht weil es sich "nur", sondern "gerade" weil es sich um Literatur handelt - auch gerechtfertigt ist, kommt Bayard nicht in den Sinn.

Wer so liest, ist für Bayard wahlweise intolerant, gutgläubig, blind, irrational, engstirnig oder autoritätshörig. Der folgsame Leser lasse sich von seinem Unbewussten beherrschen, ihm fehle selbst ein "Minimum an Gewissenhaftigkeit", er beschneide die "Persönlichkeitsrechte fiktiver Personen". Und um die Moralisierung auf die Spitze zu treiben, wird Bayard bei seinem Ruf nach Freiheit für die literarischen Figuren auch noch politisch korrekt: "In einer Gesellschaft, die Minderheiten zunehmend offener gegenübersteht, wäre es eigentlich angebracht, ihre Legitimität anzuerkennen .". Besteht wirklich kein Unterschied zwischen "für real halten" und "real sein"?

Literarische Texte sind nicht nur auf logische Schlüssigkeit hin angelegt. Bisweilen nehmen sie Qualitäten wie Stimmung oder Atmosphäre für wichtiger. Bayard verdächtig dies als "Schwindel", als Verführungszauber. Darüber verheddert sich seine Argumentation. Denn einerseits fordert Bayard eine hermetisch abgeschlossene fiktionale Welt ohne Lücken und Widersprüche. Andererseits will er diese Abgeschlossenheit nicht akzeptieren.

Bayard kreidet Holmes genau das an, was seine "Kriminalkritik" voraussetzt: Denn dass Holmes unsicheres Wissen verwaltet, ermöglicht doch gerade die Autonomisierung der literarischen Figuren. Das Spiel mit dem Wahrscheinlichen des Unwahrscheinlichen gehört zum Lesespiel und -genuss der Sherlock-Holmes-Lektüre. Dass Holmes sich irren kann, spricht nicht gegen dessen Qualifikationen, sondern zeigt nur, wie groß die Herausforderung der "Holmes-Methode" ist. Immer wieder degradiert Bayard Holmes zum Agenten der "Polizei". Aber eben mit der Polizei steht Holmes in Dauerkonkurrenz, weil er sich nicht auf vordergründige Evidenzen verlässt.

Es ist daher reizvoll, bringt aber unter dem Strich wenig, sich einige Unwahrscheinlichkeiten herauszugreifen, um daraus einen eigenen Fall mit einem eigenen Mörder zu konstruieren. Man kann das tun - wer sollte einen daran hindern, und zwar ohne, dass man sich deswegen gleich zum Rächer der entrechteten Romanfiguren machte? Angemessen oder gerecht muss dieses Vorgehen deswegen noch lange nicht sein. Um nur ein Beispiel zu nennen: Bayard will unter anderem zeigen, dass Holmes mit dem Bösen im Bunde steht. Dafür weist er auf verschiedene Stellen in anderen Holmes-Geschichten hin, in denen der Detektiv mit einem Hund verglichen wird. Dummerweise aber sieht Watson in seinem Freund ausgerechnet in "Der Hund der Baskervilles" den klassischen Antipoden des Hundes: Als er Holmes nach tagelangem Camping im Moor perfekt rasiert und tadellos gebügelt wiederfindet, führt er das auf die "katzenhafte Passion für körperliche Reinlichkeit" des Detektivs zurück (im Original: "cat-like love of personal cleanliness"). Hier irrte, so scheint es, weniger Sherlock Holmes als vielmehr Pierre Bayard. Allerdings teilen die beiden einen Charakterzug, den Watson seinem Freund ankreidet: ein "gebieterisches Wesen, das seine Umgebung gern beherrschte und überraschte". Während Holmes dies aus Vorsicht tut, scheut Bayard keine intellektuellen Risiken. Deswegen lohnt sich eine Lektüre allemal, und der "wahre Mörder" im Dartmoor soll hier ungenannt bleiben.

------------------------------

Pierre Bayard: Freispruch für den Hund der Baskervilles. Hier irrte Sherlock Holmes. Aus dem Französischen von Lis Künzli. Kunstmann, München 2008. 208 S. 16,90 Euro.

Berliner Zeitung, 30.10.2008