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Gerbrand Bakker: Oben ist es still.
Gerbrand Bakker: Oben ist es still.

Wenn der Vater endlich stirbt

Mit behutsamer Wucht: Der Niederländer Gerbrand Bakker debütiert mit dem Roman "Oben ist es still"

Ulrich Seidler

Wenn auf dem platten Land die Welt auch nur ein bisschen kippt, findet man keinen Halt und rutscht ab: niederländische Schafweiden, ein Kuhstall, ein Hof, der Bauer Helmer, Jahrgang 47 - über ihm der Himmel, unter ihm trockengelegtes Land. Alles ist sehr übersichtlich angelegt in "Oben ist es still", dem tiefen, lakonischen Romandebüt des niederländischen Sprach- und Literaturwissenschaftlers sowie diplomierten Gärtners Gerbrand Bakker, der bisher ein Jugendbuch, Untertitel für Naturfilme und ein etymologisches Wörterbuch verfasst hat. Es pulst ein elegisch-kreisender Takt der nützlichen Verrichtungen, in dem das Leben fast unmerklich verrinnt.

Im Rhythmus des Tages werden die Kühe gefüttert, gemolken, die Ställe ausgemistet. Im Rhythmus des Jahres werden die Schafe geschoren, die Kopfweiden beschnitten. In aller Regelmäßigkeit kommt ein Milchfahrer vorbei - entweder der mürrische alte oder der ewig lächelnde junge - sowie der immer selbe schweigsame Viehhändler. Der alte Milchfahrer stirbt, der junge bekommt ein anderes Revier, der Viehhändler wandert nach Neuseeland aus. Und auch Helmer - so will es das nach Utopie riechende Ende - kratzt die Kurve.

Was für andere eine Urlaubsfahrt sein mag, erlebt Helmer als Weltbeben. Es entladen sich Jahrzehnte eines verpfuschten Lebens, die sich an einem nichtgesagten Nein aufgestaut haben. Mit unsentimentaler Zuneigung und behutsamer Wucht erzählt Bakker davon, wie Helmer aus einem langen, aufgezwungenen Schlaf aufwacht. Es dauert Monate, bis er zu sich kommt.

Helmer hat nicht nur Tiere zu versorgen, sondern auch seinen sterbenden Vater. Das Buch und Helmers Erwachen beginnen an dem Tag, als er den Alten die Treppe hinauf ins Obergeschoss schleppt und das Haus umräumt. Die selbstverständlichsten Besorgungen werden zu emanzipatorischen Großtaten eines in Besitz genommenen Sohnes. Es ist, als würde frische Luft den Buchseiten entströmen, wenn Helmer die Standuhr, die Möbel und Bilder seiner Eltern wegräumt (und nach oben zum Vater verfrachtet). Er wäscht seinen Vater (gern auch mal mit kaltem Wasser), stellt ihm Essen hin (wenn er dran denkt und Lust dazu hat), erklärt ihn für senil, verweigert Arztbesuche und schließt ihn scheinbar gedankenverloren weg. Es wäre eine Art langsamer Mord, wenn sich nicht - für den Leser früher als für die beiden Beteiligten - herausstellen würde, dass das Sterben und Sterbenlassen des Vaters die erste gemeinsame Sache ist, vielleicht ein gegenseitiger Liebesdienst, mitnichten ein Liebesbeweis.

Vorerst lebt Helmer unfroh seine äußere Machtposition aus, bleibt innerlich aber unterdrückt von dem gebrechlichen Männlein, das ihn an "ein wenige Minuten altes, noch nicht sauber gelecktes Kalb" erinnert; "mit unkontrolliert wackelndem Kopf und einem Blick, der nichts festhält." Festgehalten wird Helmer von dem Blick der Schafe, die ihn "wie ein Erschießungskommando" ansehen, was auf dem betörenden Umschlagfoto von Marcel ter Bekke nachzuvollziehen ist.

Nicht der Vater allein ist Helmers Problem, sondern auch sein toter Zwillingsbruder Henk. In engster Verbundenheit durchstanden die beiden gegen den lieblosen Vater ihre Kindheit, wobei Henk seinem um Minuten älteren Bruder Helmer hernach immer einen Schritt voraus war. Henk avancierte zum bäuerlichen Erbfolger, was Helmer recht war, konnte er so doch in Amsterdam studieren. Helmers vielleicht nicht heile, aber austarierte Welt gerät in Schieflage, als sich Henk, natürlich als Erster, verliebt. Endgültig fortgerissen wird der Bruder dann durch einen banalen, von der Braut Riet verursachten Autounfall. Henk kann sich nicht aus dem von der Straße abgekommenen Fahrzeug befreien und ertrinkt im IJsselmeer. Riet wird vom Vater weggeschickt. Helmer bleibt übrig. "Du bist fertig da unten in Amsterdam.", bestimmt der Vater. Und als wäre es Schicksal, steht da in den sparsamen, geräumigen und von Andreas Ecke ausgesucht übersetzten Worten von Bakker: "Ich wurde Vaters Junge. Mutter weinte."

Hier hätte Helmer nein sagen sollen, stattdessen rutscht er in die Rolle des Lückenbüßers und Zweitewahlsohns. Erst mit Mitte Fünfzig sagt er seinem vom Leben lädierten Vater ins Gesicht: "Du bist mir zuwider, weil du mir mein Leben verdorben hast. Ich lasse keinen Arzt kommen, weil es meiner Ansicht nach höchste Zeit wird, dass du aufhörst, mein Leben zu verderben." Es folgt eine lange Tirade, bevor der erschrockene Leser erfährt, dass der Vater nichts gehört hat. Helmer verstummt in dem Moment, als der Vater mit den Worten: "Hab ich geschlafen?" aufwacht.

Das ist das Traurige an dem vermeintlichen Happyend: dass Helmer die Alternative, die er zu leben beginnt (und die Bakker wohlweislich unscharf konturiert), vielleicht immer nur dem toten Vater vorführt und so immer noch in dessen Griff bleibt. Oder ist es ein Halt?

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Gerbrand Bakker: Oben ist es still. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp Frankfurt am Main 2008. 316 Seiten, 19,80 Euro.

Berliner Zeitung, 16.8.2008