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Steven D. Levitt und Stephen J. Dubner: "Freakonomics"
Die Abtreibung der Kriminalität
Der Ökonom Steven Levitt zählt in "Freakonomics" Verbrecher, die nie auf die Welt gekommen sind
Christian Esch
Die Neunzigerjahre bescherten den Amerikanern eine glückliche Überraschung. Eine Gesellschaft, die vom Gedanken an die Kriminalität regelrecht besessen ist, durfte plötzlich einen dramatischen Rückgang der Verbrechen erleben. Kein Experte hatte ihn vorausgesagt, mancher das Gegenteil prophezeit. Für den Rückgang wurden viele Gründe genannt: Neue Polizeistrategien, schärfere Haftstrafen (die die Zahl der Gefangenen auf 2 Millionen Ende 2000 erhöhten!), das Ende des Crack-Drogenbooms, der Wirtschaftsaufschwung, strengere Waffenkontrollen, die Alterung der Bevölkerung.
Die Ökonomen Steven Levitt und John Donohue überraschten die Öffentlichkeit gegen Ende des Jahrzehnts mit einer völlig neuen Erklärung. Die bisher genannten Gründen ließen sie kaum gelten. Einen Wirtschaftsaufschwung etwa gab es auch in den 1960ern - damals stieg die Gewaltkriminalität. Die gefeierte "Zero Tolerance"-Strategie der Polizei wurde nur in New York eingeführt - die Kriminalität sank überall. New York profitierte eher davon, dass einfach viele Polizisten eingestellt wurden. Diese Aufstockung und der Verfall des Kokainpreises, der das Geschäft der Crack-Dealer zerstörte, haben vielleicht ein Viertel des Rückgangs der Kriminalität in den USA bewirkt, die schärferen Haftstrafen ein weiteres Drittel, schätzt Levitt.
Weit wichtiger sei aber etwas gewesen, das kaum je erwähnt wurde: die Legalisierung der Abtreibung durch ein Urteil des Obersten Gerichtshofs am 22. Januar 1973. Dies habe die Zahl der ungewollten Geburten drastisch gesenkt. Da ungewollte Kinder statistisch gesehen mit der höchsten Wahrscheinlichkeit kriminell würden, seien fortan viele potenzielle Straftäter gar nicht erst auf die Welt gekommen. Das aber habe sich erst ab dem Moment auswirken können, als die ersten nach 1973 geborenen Jahrgänge in die späten Teenagerjahre kamen - also ab Anfang der 1990er.
Donohues und Levitts These, 2001 im Quarterly Journal of Economics veröffentlicht, hat heftigen Widerspruch von der christlichen Rechten, der Linken und aus den Reihen des eigenen Fachs ausgelöst. Er hält bis heute an: Erst vor wenigen Wochen versammelte der konservative Think-Tank American Enterprise Institute alle Kritiker zu einer Tagung. Die breite Öffentlichkeit hat die These nun noch einmal in Buchform nachgelesen: "Freakonomics", von Steven Levitt mit dem Journalisten Stephen J. Dubner verfasst, eroberte in den USA die Bestsellerlisten. Jetzt ist das Buch auch auf Deutsch erschienen.
Es geht darin um weit mehr als nur um Kriminalität; es geht darum, was ein Ökonom über die Wirklichkeit aussagen kann, wenn er sie mit statistischen Mitteln untersucht. Das ist erstaunlich viel: Er kann belegen, dass Sumo-Ringer ebenso betrügen wie Chicagoer Grundschullehrer bei Schultests - weil die Resultate statistisch unwahrscheinliche Muster zeigen. Er kann erkennen, dass in der Fernseh-Quizshow "The Weakest Link", in der Kandidaten einander in die Wüste schicken können, Latinos und alte Menschen (nicht aber Schwarze) diskriminiert werden - weil solche Kandidaten öfter herausgeworfen werden, als es im wohlverstandenen Eigeninteresse der anderen läge. Er kann erklären, warum Drogenhändler bei ihren Müttern wohnen - weil sie überraschend miserabel verdienen. Unterlagen der Chicagoer Black-Disciples-Gang ergaben einen Stundenlohn von 3,30 Dollar; das Fußvolk wurde eben nicht mit guter Bezahlung bei der Stange gehalten, sondern allein mit der Hoffnung, in einen der wenigen Spitzenposten aufzusteigen.
Zu all diesen Themen hat Steven Levitt publiziert. Der Chicagoer Professor und Herausgeber des Journal of Political Economy gehört zu den interessantesten, ungewöhnlichsten und auch zu den meistbeachteten Ökonomen (die betrügenden Grundschullehrer jedenfalls wurden gefeuert). Leider reibt uns Mit-Autor Stephen Dubner diese Tatsache in jedem Kapitel aufs neue unter die Nase. Er hat für die New York Times ein hymnisches Porträt von Levitt verfasst, aus dem dieses Buch hervorgegangen ist; Schnipsel der ursprünglichen Reportage sind hineinmontiert. So erfahren wir schon auf der ersten Seite, dass dieser junge Ökonom nicht nur der brillanteste Amerikas ist, sondern auch so unkonventionell, dass er - man denke! - an einer Ampel nicht die Tür seines Autos verriegelt, als ein alter Obdachloser auf ihn zukommt. Chapeau.
Schlimmer noch als die Beweihräucherung des Helden ist die seines Faches. Die Autoren wollen ja zeigen, dass die Ökonomie nicht durch ihren Gegenstand definiert ist, sondern durch ihre Methode. Man kann alles mögliche sinnvoll untersuchen, wenn man sich diese Methode zu eigen macht - nämlich die Sicht, dass Menschen Anreizen folgen, und dass diese Anreize an ihrem Handeln sichtbar werden, nicht an ihrem Reden. "Moral", schreiben Levitt und Dubner, "repräsentiert die Art und Weise, wie die Welt unserer Ansicht nach funktionieren sollte - während die Ökonomie uns zeigt, wie sie tatsächlich funktioniert." Erhebt nicht jede Wissenschaft diesen Anspruch?
Umso erstaunlicher ist es, wie wenig Tribut die Autoren der Wissenschaft zollen, wenn es ums Detail geht. Von der heftigen Kritik, die an Levitts und Donohues Abtreibungsartikel geübt wurde, erwähnen sie nur die moralisch argumentierende. Die fachliche taucht nicht auf. Etwa die Frage, ob das Abtreibungsurteil nicht die Sitten gelockert habe, mithin auch die Zahl wenn nicht der "unerwünschten", so doch der vaterlos aufwachsenden Kinder gestiegen sei. Die Ökonomen Christopher Foote und Christopher Goetz wiederum sehen in der Statistik eine simple Konvergenz: alle Staaten mit hoher Kriminalität näherten sich dem niedrigeren Durchschnitt an, unabhängig von der Zahl der Abtreibungen.
Die Einwände können die These Levitts und Donohues nicht widerlegen; sie bleibt einfach unbeweisbar. Denn die Verfeinerung der Suche nach Korrelationen hat dazu geführt, dass das diskutierte ökonometrische Modell auf viele hundert Variablen angewachsen ist. Es gilt mittlerweile als so unbeherrschbar wie ein Sumo-Ringer - und das hätte der Leser doch gerne gelesen. Dafür erfährt er im Kapitel über Immobilienmakler, dass Experten oft ihr Herrschaftswissen zurückhalten.
Berliner Zeitung, 29.05.2006
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