Vogelgrippe

Gans wenig

Wegen der Vogelgrippe im Frühjahr werden jetzt die deutschen Gänsebraten knapp

Greta Taubert

An der üppigen Freude mit der Weihnachtsgans sind nur die Engländer schuld. Der knusprige Vogel liegt nur deshalb alle Jahre wieder auf deutschen Fleischplatten, weil Königin Elizabeth I. gerade einen solchen verspeiste, als sie 1588 vom Sieg über die spanische Armada erfuhr. Als könnte die fette Gans etwas dafür, erklärte sie sie zum offiziellen Weihnachtsbraten.

Jahrhundertelang haben auch die Deutschen gerne mitgeschmaust. Aber dieses Jahr wird es eng. Wegen der Vogelgrippe in diesem Jahr haben viele kleine Betriebe in Deutschland darauf verzichtet, Gänse zu züchten. Die Bauern hätten nach der sogenannten Aufstellungsverordnung der Europäischen Union ihre Gänse nur in Ställen halten können. Üblicherweise leben die Tiere in Deutschland aber auf der Weide. "Viele kleine Masthöfe haben die Eier im Frühjahr vernichtet, weil sie keine entsprechenden Gebäude haben", sagt Günter Zengerling vom Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft. In Sachsen, wo knapp die Hälfte aller Gänseküken aus der Schale schlüpfen, sei die Gösselproduktion um 41 Prozent zurückgegangen.

Traditionell ist Deutschland aber eher kein Gänseland. 86 Prozent aller verzehrten Gänse stammen aus Polen oder Ungarn. Ob in diesen Ländern aber die gestiegene Nachfrage bedient werden kann, ist unsicher. In Ungarn wurden im Juni in mehreren Anlagen H5N1-infizierte Gänse gefunden.

"Das Ausland kann den Bedarf nicht kompensieren", sagt Olaf Lück von der Centrale Marketing-Gesellschaft der Agrarindustrie (CMA). Weil der Appetit der Deutschen auf Gänsebraten aber dennoch da ist, steigen die Preise. Etwa 1,50 bis zwei Euro pro Kilo muss man für eine deutsche Gans mehr ausgeben. Bei einem vier Kilo schweren Tier ist man da schnell bei 30 Euro angekommen.

Wer aber zum Weihnachtsfest auch in diesem Jahr nicht auf einen riesigen Vogel auf dem Teller verzichten will, der sollte schon jetzt über das Land fahren und dem Bauern seines Vertrauens in den Stall gucken. Oder wieder einmal nach Großbritannien: Dort isst man ja mittlerweile zu Weihnachten traditionell Truthahn.

Berliner Zeitung, 5.12.2006