MITTWEIDA. Eine Stunde vor der Preisverleihung im Rathaus von Mittweida hat Cornelie Sonntag-Wolgast sich das erste Mal mit der 18-jährigen Rebecca K. getroffen. Die SPD-Politikerin sagt der jungen Frau, dass der "Ehrenpreis für Zivilcourage", den sie gleich bekommen werde, eine Verpflichtung sei, anderen ein Vorbild zu sein. Und sie fragt Rebecca, ob sie auch sicher sei, diese Vorbildfunktion erfüllen zu können. Die Antwort der 18-Jährigen muss überzeugend sein. "Wir haben keine belastbaren Hinweise dafür, dass sie nicht glaubwürdig ist", sagt Frau Sonntag-Wolgast anschließend.
Die Politikerin hält an diesem Freitag im Mittweidaer Rathaus die Laudatio für Rebecca. Sie spricht als Beiratsvorsitzende vom "Bündnis für Demokratie und Toleranz", ein von der Bundesregierung ins Leben gerufener Dachverband, dem sich bislang mehr als 1 300 Organisationen und Aktionsgruppen angeschlossen haben, die etwas gegen Extremismus und Gewalt in Deutschland unternehmen. Zwei Initiativen aus Mittweida erhalten an diesem Tag eine Auszeichnung des Bündnisses. Für Rebecca gibt es einen Ehrenpreis. Weil sie Mut bewiesen und sich rechten Schlägern in den Weg gestellt hat, heißt es in der Begründung.
Cornelie Sonntag-Wolgast muss im Fall der 18-Jährigen aber noch einen Satz hinzufügen, um die Preisverleihung zu rechtfertigen. "Wir glauben Rebecca", sagt sie. Sie sagt es deshalb, weil die Polizei Zweifel hat an dem Wahrheitsgehalt der Geschichte, die der Anlass für die Auszeichnung der jungen Frau ist.
Mitte November war Rebecca bei der Polizei aufgetaucht und hatte geschildert, dass sie neun Tage zuvor an einem Supermarkt in der sächsischen Kreisstadt Mittweida Opfer eines Neonazi-Überfalls geworden war. Vier junge Rechte hätten ein Aussiedlerkind herumgeschubst. Als sie dazwischengegangen sei, habe man sie niedergerungen und am Boden festgehalten. Einer der Rechten habe ihr dann mit einem skalpellartigen Gegenstand ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt. Zeugen müsste es geben, sagte Rebecca den Beamten. Von den Balkonen der umliegenden Häuser hätten mehrere Anwohner zugeschaut.
Als die Sache bekannt wird, ist die öffentliche Empörung groß, auch weil sich keiner der angeblichen Zeugen bei der Polizei meldet. Es gibt Protestkundgebungen in der Stadt, Mahnwachen und Fürbittgottesdienste, an denen sich viele Einwohner beteiligen.
Mitte Dezember aber dreht sich überraschend die Geschichte. Plötzlich ermittelt die Polizei gegen das vermeintliche Opfer der Neonazis - wegen Vortäuschen einer Straftat. Gutachter hatten festgestellt, dass sich Rebecca die Verletzung an der Hüfte doch selbst hätte beibringen können. Und auch die Zeugenaussage des sechsjährigen Aussiedlerkindes, das Rebeccas Version bei der Polizei zunächst bestätigt hatte, ist mit einem Mal nichts mehr wert. Ihre Mutter sagt jetzt, sie sei mit dem Kind am Tag des angeblichen Überfalls gar nicht in Mittweida gewesen.
Zu diesem Zeitpunkt hat das "Bündnis für Demokratie und Toleranz" bereits verkündet, Rebecca, der "Heldin von Mittweida", den Ehrenpreis für Zivilcourage zu verleihen. Eine Entscheidung, an der das Bündnis trotz aller Zweifel festgehalten hat. Schließlich gelte die Unschuldsvermutung auch für Rebecca, verteidigt Cornelie Sonntag-Wolgast die Preisverleihung. Und wenn sich die ganze Geschichte am Ende doch als Lüge herausstellt? "Dann werden wir neu beraten", sagt sie.
Bürgermeister Damm ist bei der Preisverleihung an Rebecca dabei. Er sagt hinterher, das Bündnis habe eine falsche Entscheidung getroffen. "Es laufen ja noch Ermittlungen, deren Ergebnis man besser hätte abwarten sollen." Mit seiner Meinung stehe er nicht allein, fügt er hinzu. "Ich weiß von einigen Leuten, die ihre Teilnahme an dieser Feierstunde wegen Rebecca abgesagt haben."
Rebecca schweigt zu den Diskussionen. Ihr Anwalt hat gesagt, sie solle sich nicht öffentlich äußern. Als sie den Preis bekommt, geht sie aber doch noch ans Rednerpult. Bedanken möchte sie sich bei ihrer Familie und den Freunden, die zu ihr stehen, "trotz allem, was die Staatsanwaltschaft mit mir macht", sagt sie und kämpft mit den Tränen. "Wir haben echt viel durchgemacht in der letzten Zeit." Dann geht sie zurück zu ihrem Platz in der ersten Reihe.