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Um endlich von ihrer Sucht loszukommen, vertrauen viele Nikotinabhängige auf medikamentöse Hilfe.
NIKOTINSUCHT
Bauchlandung für Antiraucherpillen
Beim Weltnichtrauchertag am 31. Mai geht es darum, Kinder vor der Abhängigkeit zu schützen - und Erwachsenen den Ausstieg zu erleichtern.
Anke Brodmerkel
Rauchfrei durchstarten - unter diesem Motto wirbt das weltgrößte Pharmaunternehmen Pfizer seit einem Jahr für seine Antiraucherpille Champix. Glück haben die Werbetexter mit dem Slogan aber nicht gehabt: Ausgerechnet die US-amerikanische Flugaufsicht FAA hat ihren Piloten und Fluglotsen jetzt die Einnahme des Präparats verboten.
Anlass dafür sind die Ergebnisse einer Studie, die das US-Institute for Safe Medication Practices initiiert hat. Die Untersuchung zeigte, dass der in Champix enthaltene Wirkstoff Vareniclin mitunter Sehstörungen, Krampfanfälle, Bewusstlosigkeit oder psychische Probleme hervorruft.
Die Einnahme des Präparats könne daher zu Sicherheitsproblemen beim Luftverkehr führen, heißt es in einer Begründung der FAA. Nach deutschem Luftverkehrsrecht dürfen Piloten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Medikamente einnehmen.
Schon im Dezember 2007 sorgte Champix für Schlagzeilen. Die europäische Arzneimittelbehörde Emea verlangte damals deutlichere Warnhinweise für Ärzte und Patienten, nachdem das Mittel wiederholt mit Suizidversuchen in Verbindung gebracht worden war. Allen Warnungen zum Trotz hat Pfizer mit Champix in den ersten drei Monaten des laufenden Geschäftsjahres einen Umsatz von 277 Millionen US-Dollar verbucht.
Allerdings hat das verschreibungspflichtige Medikament derzeit auch keine nennenswerte Konkurrenz. Das Nichtraucherpräparat Zyban der Pharmafirma Glaxo Smith Kline, das vor einigen Jahren als Wunderpille gefeiert wurde, konnte die hochgeschraubten Erwartungen nicht erfüllen: Der Wirkstoff Bupropion führte nicht nur zu epileptischen Anfällen und psychischen Störungen; es zeigte sich auch, dass viel weniger Raucher als vermutet mit Zyban vom Glimmstängel loskamen. Das dritte Präparat, Rimonabant von Sanofi-Aventis, wurde wegen mangelnder Wirksamkeit und teils gravierender Nebeneffekte für die Raucherentwöhnung erst gar nicht zugelassen.
Sowohl Champix als auch Zyban verhindern im Gehirn von Rauchern, dass die Zigarette als Genuss empfunden wird - allerdings auf unterschiedliche Weise. Champix besetzt in den Hirnzellen Stellen, an denen auch das Nikotin andockt. Das hat einen doppelten Effekt. Zum einen werden die Zellen auch ohne Nikotin stimuliert, was Entzugssymptome lindert. Zum anderen blockiert Champix die Andockstellen dauerhaft. Wird der Raucher rückfällig, fehlt der Kippe der belohnende Kick. Zyban verringert den süchtig machenden Effekt des Nikotins, indem es die Wirkung des Glückshormons Dopamin verlängert. Diese Substanz wird im Gehirn unter anderem dann ausgeschüttet, wenn Nikotin die Hirnzellen stimuliert.
"Leider gibt es bisher keine Studien, die sagen, welches Medikament für welchen Raucher besser geeignet ist", sagt Anil Batra von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Tübingen. Der Suchtmediziner empfiehlt Champix oder Zyban all jenen Rauchern, die den Absprung auf andere Weise nicht geschafft haben. Allerdings nur in Verbindung mit einer Verhaltenstherapie: "Wer seine Gewohnheiten nicht ändert, dem helfen auch die besten Pillen nichts." Ohnehin dürfe man keine Wunder erwarten, sagt Batra. Studien hätten gezeigt, dass nur zwanzig bis dreißig Prozent der starken Raucher durch Medikamente plus Verhaltenstherapie dauerhaft vom Nikotin loskämen. Allerdings arbeite die Pharmaindustrie intensiv an wirksameren Präparaten.
Auch Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité, Campus Mitte, hält die Antiraucherpillen für sinnvoll. "Natürlich sollte jeder Raucher zunächst versuchen, ohne Medikamente von der Zigarette wegzukommen", sagt er. Doch wenn man bedenke, dass in Deutschland jedes Jahr mehr als hunderttausend Menschen an den Folgen des Rauchens sterben, erscheine manche Nebenwirkung vielleicht weniger abschreckend.
Berliner Zeitung, 30.05.2008
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