G8-Gipfel

Die Bundespolizei fliegt Unterstützung mit Hubschraubern ein. ddp
Die Bundespolizei fliegt Unterstützung mit Hubschraubern ein.

Geländespiel im Rapsfeld

Tausende Gipfelgegner dringen bis zum Sicherheitszaun vor. Zufahrtswege sind blockiert. Erst am Abend eskaliert die Lage

Andreas Förster

BAD DOBERAN. Basisdemokratie muss sein, auch wenn die Basis nur aus fünf Leuten besteht. "Sollen wir den Journalisten mitnehmen?", fragt Benny. Zögernd gehen zwei Hände hoch. Zu wenig. "Beim Blockadetraining haben sie aber gesagt, Presse ist wichtig, um unsere Aktionen öffentlich zu machen", wendet Pascal ein. Kurzes Schweigen. "Okay, Du kannst mitkommen", sagt Benny schließlich.

Wir stehen auf einem Rapsfeld bei Brodhagen, gut fünf Kilometer vor Heiligendamm. Die Fünf sind vom Camp der G8-Gegner in Reddelich. Dort starteten um zehn Uhr ein paar tausend Jugendliche zu einer Demonstration, die es immerhin bis zum Zaun an einer der beiden Kontrollstellen kurz vor dem Tagungsort des G8-Gipfels schaffte.

Am Nachmittag waren es über zehntausend Protestler, die sich dort friedlich zu einer Sitzblockade versammelten.

Die Fünf vom Rapsfeld bei Brodhagen hatten den Abmarsch am Morgen verpasst. Zu früh, es ging lang gestern Nacht. Nun schlagen sie sich schon seit zwei Stunden durch Feld und Wald, um die Polizeiabsperrungen zu umgehen, die Demonstranten aus einem bis zu sechs Kilometer breiten Bereich um das Tagungshotel in Heiligendamm fernhalten sollen. Pascal findet es herrlich. "Das ist wie eine Flucht aus der Zone, Alter", sagt der Mittzwanziger und nimmt einen Schluck aus der Flasche. "Das Bier habe ich von einem Bauern in Brodhagen, die haben uns auch was zu essen gegeben. Wir werden von der Bevölkerung massiv unterstützt."

"Massiv unterstützt kann man ja nicht sagen", meint Benny mürrisch. Für die meisten seien sie doch alle Chaoten, die Steine schmeißen. "Dabei ist die Blockadeaktion heute eine friedliche Aktion, aber die Leute interessiert ja nur, wenn es mal wieder knallt." Und die Autonomen, die am Samstag in Rostock Krawall gemacht haben? Benny zuckt mit den Schultern. "Jeder soll seinen Protest gestalten, wie er es will", sagt er. "Der Staat übt ja auch Gewalt aus, dann muss man sich eben auch mit Gewalt wehren."

Die Gruppe hat sich inzwischen ein paar hundert Meter durchs Rapsfeld gekämpft. Es ist schwierig, die Pflanzen stehen hoch und dicht, immer wieder fällt einer hin. Pascal nimmt einen letzten Schluck und schmeißt die leere Bierflasche ins Feld. "Mann, das ist jetzt echt Scheiße", sagt Joschi. Pascal zuckt die Achseln. Die fünf sagen, sie kommen aus Kreuzberg. Im Rauchhaus würden sie leben, unten, in Berlin. "Das war das erste besetzte Haus."

Als das Feld hinter ihnen liegt, treffen sie am Waldrand auf drei junge Leute, die gerade von der Blockade zurückkommen. "Das wird uns da zu heiß",sagt das Mädchen. "Die sitzen da auf der Straße und den Gleisen von dieser Bäderbahn. Ein Haufen Schottersteine liegt da rum." Es sei schon toll gewesen, dass es so viele geschafft haben, an den Polizeisperren vorbei so dicht an den Zaun heranzukommen. Aber dann seien Reiterstaffeln gekommen und Hubschrauber, die Einsatzkräfte abgesetzt hätten. "Da sind wir lieber weg, bevor die Bullen anfangen zu räumen."

Hubschrauber fliegen über die letzten beiden Felder, die Pascal und seine Freunde noch überqueren müssen, ehe sie die Blockade am Zaun erreichen. Nach fünfzig Minuten haben sie es geschafft, sie stapfen aus einem Weizenfeld und sind bei ihren Gefährten.

Der erste, der sie begrüßt, ist allerdings Johannes Lampen, ein Einheimischer. "Ich bewirtschafte diese Flächen hier und erwarte ein bisschen Respekt", schimpft er. "Ihr könnt doch nicht einfach da durchtrampeln."

"Mann, lass uns doch mit deinem Acker in Ruhe, die da hinten schmeißen Bomben", blafft Pascal zurück und zeigt in Richtung Heiligendamm, wo nach und nach die Regierungschefs einfliegen.

Auf der Straße und an der Wiese neben dem Gleisbett liegen tausende Jugendliche. Manche schlafen, andere ruhen sich aus und trinken ein wenig Wasser. Die Sonne brennt, der Marsch war anstrengend, es ging über mehrere Stunden, da hat man am Ziel keine Lust mehr auf Action. Bis auf fünfzig Meter sind die Demonstranten an den Zaun herangekommen. An diesem Ort des Protestes herrscht eine friedliche, etwas schläfrige Stimmung.

Aber das ist nicht überall so. Es sind wohl fast 10 000 G8-Gegner, die am Mittwoch die beiden Zugänge zum Tagungsort blockieren und den zwölf Kilometer langen Sicherheitszaun belagern. Sie kommen aus den umliegenden Camps und aus Rostock. Mit einem Trick gelingt es ihnen, für einige Zeit die Straße von Bad Doberan nach Heiligendamm zu versperren. Sie wandern quer durch einen Wald, errichten hinter sich Barrieren aus Ästen und Zweigen, damit ihnen die Beamten nicht so schnell folgen können. Die setzen schließlich Wasserwerfer ein, um die Demonstranten vom Zaun fernzuhalten, an dem zu dieser Zeit Alarmstufe Rot herrscht.

Mitunter scheint die Polizei den Überblick zu verlieren. So warten am Vormittag lediglich rund 20 Polizisten an der Kontrollstelle Rennbahn und sehen sich plötzlich tausend Demonstranten gegenüber.

In der Nähe von Admannshagen östlich von Heiligendamm war es schon am Morgen zu Auseinandersetzungen gekommen. Nach einer friedlichen Mahnwache versuchten Protestler, eine abgesperrte Straße zu überqueren. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein.

Nachdem auch die Bäderbahn "Molli" blockiert ist, setzen die Organisatoren des Gipfeltreffens den Notfallplan inkraft. Der Transport zum Tagungshotel wird über den See- und Luftweg organisiert. Während die Staats- und Regierungschefs wie geplant mit Helikoptern vom Flughafen Rostock-Laage nach Heiligendamm einfliegen, müssen viele Journalisten auf Barkassen der Marine steigen, um vom Pressezentrum in Kühlungsborn zum Konferenzort zu gelangen.

Auch andere Verkehrswege, so Teile der Autobahn A 19 und der Bundesstraße 105, werden blockiert. Die Deutsche Bahn stellt den Zugverkehr zwischen Rostock und Bad Doberan ein.

Am frühen Abend wird die Situation für die Delegation aus Kreuzberg mit Benny, Joschi und Pascal ein bisschen ungemütlich. Die Polizei will, dass sie sich zweihundert Meter zurückziehen. Die Protestler sind skeptisch, sie bleiben stehen. Dann rückt eine Polizistenreihe vor, Meter um Meter. Langsam weichen die Demonstranten zurück. Wenn jetzt einer zu den Steinen auf dem Gleisbett greift, geht es los. Aber es passiert nichts.

Schnell kehrt wieder Ruhe ein. Bald gehen ein paar Leute mit Wassertanks auf dem Rücken durch die Menge und füllen Becher und Flaschen. "Wasserwerfer her, mir ist heiß", ruft ein Blockierer. Noch ist es ein Witz. Aber nicht mehr lange. Am späteren Abend eskaliert die Auseinandersetzung mit der Polizei. Etwa 2 500 Demonstranten werden mit Wasserwerfern von der Straße abgedrängt. Ein Großaufgebot an Polizei ist im Einsatz. Noch weiß keiner, wie viele verletzt wurden.

Berliner Zeitung, 07.06.2007