Club-Serie

Teil 26

Landeplatz für frühe Vögel

Das Delicious Doughnuts ist eine Mitte-Institution - ein Ort für Barkeeper nach Feierabend und andere Unverwüstliche

Brigitte Preissler

Morgens um fünf, wenn Kerle in Blaumännern beim Bäcker lustvoll in Hackbrötchenhälften beißen, wenn erste Geschäftsleute an müden Zeitungsverkäufern vorüberhasten, drücken sich an der Rosenthaler-/Ecke Auguststraße Häuflein fröhlicher junger Menschen in Achtzigerjahre-Kluft herum, die so aussehen, als stünden sie schon seit dem Abend dort.

Es handelt sich um Gäste des Delicious Doughnuts, die gerade Sauerstoff inhalieren. Denn dafür ist drinnen kaum Gelegenheit. An einem gewöhnlichen Wochentag ist der rund 120 Quadratmeter große Laden selbst zu so früher Stunde rappelvoll. Am Kickerautomaten ist die Hölle los, an der Theke drängeln sich Bestell-Willige, vor den Turntables wandert ein Pärchen vergnügt zu elektronischen Beats des Plattenauflegers Houseboat umher.

Seinen Namen trägt das Delicious Doughnuts nicht, weil es hier fettiges amerikanisches Backwerk gibt, sondern, "weil's phonetisch so toll klingt", wie Peter Erles erklärt, einer der beiden Geschäftsführer. Betrachtet man das Logo des Clubs, lässt sich auch kaum entscheiden, ob der darauf abgebildete Kreis mit einem Loch in der Mitte eher einen Teigkringel oder einen Vinyl-Tonträger darstellen soll. Zu DDR-Zeiten befand sich dort jedenfalls eine Goldschmiede - die vergitterten Fenster stammen noch von damals.

Erles übernahm den Laden 1998 zusammen mit Axel Lentz, der auch den Ruderclub am Monbijoupark betreibt. Gegründet wurde das Doughnuts aber 1993 von einem Menschen, der in der Clubszene wegen seiner Bergsteigervergangenheit Gemse genannt wird: Olaf Kretschmar, heute Geschäftsführer der Club Commission und Sprecher der Berliner Clubszene. Das Doughnuts durchlief unter seiner Ägide in den 90er-Jahren seine wohl legendärste Zeit. Danny de Vito, Robert de Niro und U2 sollen gelegentlich dort gefeiert haben. Der Laden galt als erste Adresse für erlesene elektronische Clubmusik aller Art. So traten dort Kruder & Dorfmeister auf, lange bevor jeder Provinzfrisör seine Kundschaft mit der Musik volldudelte. Das Berliner Produzenten- und DJ-Netzwerk Jazzanova wurde dort aus der Taufe gehoben und auch Jimi Tenor und die Propellerheads hatten dort ihre ersten Berliner Auftritte. 1997 verließ Gemse das Doughnuts und eröffnete ein paar hundert Meter weiter das Oxymoron in den Hackeschen Höfen. Die Neuen bauten das Doughnuts zur Cocktailbar um, die 1999 eröffnet wurde. Erles: "Ich wollte einen Laden, in dem man vernünftige Getränke bekommt wie in einer anständigen Bar und nicht diese widerliche Club-Mansche."

So kann man hier aus einem Sortiment von über 200 Getränken zu moderaten Preisen wählen: Angefangen beim eigens gebrauten "Delicious Pils" über Cocktails und Longdrinks bis zu diversen Absinth-Spezialitäten. Nach den leer getrunkenen Gläsern überall zu schließen, scheint das Konzept aufzugehen. Seit dem Jahr 2003 wird schon ab fünf Uhr morgens abgetanzt. Dann trudelt ein neuer DJ ein, und meistens auch frisches Publikum.

"Good morning Vietnam" lautet das Motto nicht nur wegen des gleichnamigen Films. Es ist vor allem eine Hommage an den Barkeeper Tommy, der Halbvietnamese ist. In puncto Mobiliar setzen Lentz und Erler auf kultivierte Heimeligkeit. Auf die dunkelroten Wände und den Tanzboden werden Sternchen oder Schneeflocken projiziert, über dem dunkelbraunen Tresen flimmern Landschafts-Standbilder. Und das in Würde gealterte schwarze Leder in den Lümmelecken ist noch der Erstbezug seit dem Umbau von 1998/99.

In diesem Wohnzimmer-Flair scheint sich mancher Gast ganz wie zu Hause zu fühlen. Auf einem Ledersessel döst ein Mensch, dem dabei gerade das halbleere Bierglas aus der Hand zu fallen droht. Bei aller Familiarität sieht der Chef das aber nicht gern: "Wir sind ein Vergnügungsort, keine Schlafstelle", so Erler. Seine Kundschaft beschreibt er als zweigeteilt: Früh am Abend - und das heißt im Doughnuts so ab ein Uhr nachts - amüsieren sich Touristen, Laufkundschaft und Partystarter. Zwischen vier und fünf, wenn viele andere Clubs dicht machen, trudeln Barkeeper, Kellner, Nachbarn und Stammgäste ein; Erler nennt sie "Homies". Viele von ihnen sprechen Französisch, Spanisch oder Italienisch, tragen asymmetrische Frisuren, fluffige Turnschuhe und entschiedene Tattoos. Mit all ihren Piercings und Nieten-Accessoires könnten es Erasmus-Studenten sein oder auch Menschen, die in der Modebranche arbeiten.

Im Morgengrauen sind die wenigen Frauen größtenteils in männlicher Begleitung. Doch wem der Sinn nach betrunkenen, paarungswilligen Männern zwischen 18 und 40 steht, der ist selbst um kurz vor zehn noch nicht zu spät dran. "Um zehn Uhr wird's richtig anstrengend", sagt Peter Erles. Und der muss es wissen. Er achtet an der Tür sehr darauf, dass Extrembaggerer gar nicht erst reinkommen oder schnell wieder rausfliegen, wenn sie unangenehm werden.

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Was geht und was nicht

Hier ist man unter: Frühaufstehern und Spätarbeitern.

Es läuft: Elektronisches

Fühlt sich an wie: der Rest einer Wohnzimmer-Party mit Freunden.

Preise: Eintritt 3 Euro, ab 5 Uhr: 5 Euro. Bier ab 2,50. Absinth ab 3 Euro. Wodka Energy 6 Euro, Kickern 50 Cent.

Besser nicht: hinterher noch arbeiten müssen.

Wie komme ich hin?
U 8 oder Tram bis Rosenthaler Platz oder Weinmeisterstraße, S-Bahn Hackescher Markt und fünf Minuten laufen.

Das Delicious Doughnuts ist täglich ab 22 Uhr geöffnet. Die "Good Morning Vietnam"-Parties beginnen um 5 Uhr.

Der Club im Internet:
www.delicious-doughnuts.de

Berliner Zeitung, 14.04.2007