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Teil 25
Chantals Familienfest
Das Besondere im Kinzo sind die Besucher. Sie tun hier manchmal Dinge, für die sie sich hinterher ein bisschen schämen
Miriam Müller
Andreas Schwarz will seinen Gästen eine Freude machen. Sie sollen bequem rauchen können, hat sich der Chef des Kinzo überlegt, ohne nervige Geldkarten. Jemand soll deshalb vorher Zigaretten kaufen. Schwarz hat Chantal gefragt. Berlins bekannteste Drag-Queen ist auf dem Weg ins Kinzo, sie könnte ja Kippen von der Tankstelle mitbringen. "Eine Party planen wir wie ein Familienfest", sagt Schwarz.
Als Chantal eintrifft, hat sie natürlich nichts mitgebracht. "Zigaretten? Alles wird delegiert", sagt sie divenhaft. Botengänge würden auch nicht zu ihr passen. Sie, die große, schrill geschminkte Blondine mit Wespentaille und Cowboystiefeln an einer Tankstelle? Schwarz verehrt Chantal trotz oder gerade wegen ihrer Unberechenbarkeit. Für ihre Show "Chantals House of Shame" hat er vor etwas mehr als einem Jahr den Kinzo-Club übernommen. Chantal lobt wiederum Andreas Schwarz: "Er ist der beste Partymacher überhaupt." Die beiden kennen sich seit 1991. Zusammen haben sie Chantals Show zu einer Institution der Berliner Schwulenszene gemacht. Die berühmt-berüchtigte Show gibt es seit sieben Jahren, seit vier Jahren im Kinzo.
Auch Ronald spricht von einer Familie, wenn er vom Kinzo redet. Der 23-Jährige ist schwul und arbeitet als Kellner in Mitte. Für ihn und viele andere ist Chantal ein Star. "Sie gibt dem Ganzen eine Seele", sagt er. In ihrer Show singt Chantal ihr Lied "House of Shame", beschimpft oder bejubelt das Publikum und kündigt wie eine Conférencieuse die eingeladenen Bands an. Der Begriff "House of Shame" stamme aus einem Gedicht des schwulen englischen Dichters Oscar Wilde, in dem er einen Knabenpuff beschreibt, erzählt Chantal. In ihren Nächten gebe es allerdings schöne Schande. "Schande lässt viele Möglichkeiten offen. Witzig wird es, wenn Gäste Dinge tun, für die sie sich am nächsten Tag ein bisschen schämen."
Dazu haben offenbar viele Lust. Der Club ist um ein Uhr nachts voll. Dabei macht das Kinzo, das sich gegenüber dem Fernsehturm in einem Plattenbaukeller eingerichtet hat, keine Werbung. Bringt nichts, sagt Andreas Schwarz. Der 37-Jährige ist in der Berliner Clubszene bekannt. Anfang der 90er-Jahre leitete er den Techno-Club Bunker, danach war er Club-Macher bei Oxymoron, Kalkscheune, Trompete, Big Eden und der Arena. Auf das Kinzo weist oben an der Straße nicht mal ein Schild hin. Oben hängen ein paar Teenager zwischen McDonald's und blau blinkenden Bars herum. Unten im Kinzo feiern bis zu 400 Gäste. Jeder scheint jeden zu kennen. Holzfällerhemd tanzt neben Pelz-Frau-Mann zu House und Techno. Kleinere Männer werden von hünenhaften Transen in der Luft herumgewirbelt. Das Publikum ist zwar überwiegend schwul, aber nicht so, dass es tausend Waschbrettbäuche zu sehen gäbe. Alles eher entspannt. Im Kinzo sollen auch schon der Sänger Tim Fischer und der Fotograf David La Chapelle gefeiert haben. Letzterer wohl nicht allzu lange. Er soll rausgeflogen sein, weil seine männliche Begleitung sich danebenbenahm. Was das im "House of shame" bedeutet, will keiner verraten.
Psychedelische Muster zucken auf ausrangierten Bundestagsfernsehern, sonst sind die Wände kahl. "Hier gibt es nichts Besonderes, keine Superanlage, keine Lichteffekte. Nur die Leute, die sind was Besonderes", sagt Andreas Schwarz. Angefangen hat das Kinzo 2001 als illegaler Club in der Linienstraße. Dann zogen Schwarz' Vorgänger an den Alex. Ende 2005 gaben sie auf. Zu viel Verwaltungsarbeit, zu wenig Geld. Damals war das Kinzo nicht nur als Club bekannt, sondern auch als Label für Architektur, Eventmanagement und Design. Heute ist es nur noch ein Club. Dienstags legt das Berliner Elektro-Label Klangsucht auf, freitags ist Party mit Balkan Beats. Dienstags bringt Andreas Schwarz zwei Blätter an den Toiletten an, darauf steht "Mann" und "Frau". Donnerstags sind die Zettel weg. Donnerstags ist Chantal da.
Lange bevor sie auf der Bühne steht, beginnt Chantals Auftritt. Mit einem Winken, Küsschen, einer Runde Kicker mit Gästen. Doch die Shame-Show, die stets um zwei Uhr losgeht, sagt sie in dieser Nacht ab. Angeblich zum ersten Mal in sieben Jahren. Eine Band ist nicht gekommen, Chantal ist beleidigt. Sie hat sich hinter die Theke verzogen. Dort sitzt auch Hans-Peter Kögeböhn, einer der früheren Betreiber des Kinzo. Er fühlt sich verantwortlich. "Dann machen Andreas und ich die Show", bietet er an. In einer Familie greift man sich unter die Arme.
Chantal ist getröstet, tänzelt wieder. Eine Show gibt es zwar nicht, aber eine Party - bis acht Uhr morgens, wie immer. Das ist im Kinzo eine der Traditionen. Und die sind Familien bekanntlich heilig.
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Was geht und was nicht
Hier ist man unter: Menschen, die noch glauben, Schwulsein wäre was total Besonderes.
Es läuft: Minimal, Techhouse, Elektro, Drums vom Balkan.
Fühlt sich an wie: eine typische Großfamilie - viel Spaß, viel Streit.
Preise: Eintritt zwischen 3 und 10 Euro. Bier ab 2,50, Longdrink 5,50 Euro.
Besser nicht: beim Spaßhaben schämen.
Wie komme ich hin?: Mit U-Bahn, S-Bahn Straßenbahn oder Bus zum Alexanderplatz.
Täglisch außer montags und mittwochs, ab 23 Uhr. Donnerstags ist Chantal da.
www.kinzo-club.de
Berliner Zeitung, 13.April 2007
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