Teil 22
Tief im Westen
Szene ist woanders: Das Annabelle's ist eine Bühne für Abi-Feiern und reiche Russen - und verkauft teuren Wodka literweise
Elmar Schütze
Dieser Raum ist ein Ereignis. Die Wände sind mit einer Art Steppdecke überzogen, von der Decke hängen fette Kerzenleuchter, alles ist hübsch düster schwarz, silber und gold angemalt. Lasziv bekleidete Schaufensterpuppen sitzen auf Schaukeln, der DJ thront auf einer Kanzel über der Tanzfläche. Dag Harbach, früher mal Creative Director im 90 Grad, hat diesen Raum gegen den Trend gestaltet: nirgends weiße Stoffbahnen, keine freien Wandflächen für die überall so beliebten Diaprojektionen.
Das ist also das Annabelle's, so was wie die kleine Schwester der Promi-Clubs Felix und 90 Grad. Schick soll es sein - und ist es ja auch. Teuer? Durchaus. Auch glamourös? Na ja.
Das Annabelle's liegt tief im Westen, im alten Bahnhofsgebäude am Heidelberger Platz, eingerahmt von S- und Autobahn. Unten fährt die U-Bahn, in der Nähe gibt es Parkplätze und Autohäuser. Sonst gibt es nicht viel. Wer nachts hier her kommt, der weiß warum.
Diese Nacht ist Candy-Goldrausch-Nacht, ein Berliner Partylabel hat das Annabelle's gebucht. Auf den Tischen liegen Lutscher und Bonbons neben Prosecco und Wodka. Zettel auf den Tischen verweisen auf Partys im Felix. Goldrausch verspricht einen "vollkommenen Rausch der Gefühle und Emotionen". Als Dresscode ist "berauschend" gefordert. Das Publikum ist jung, sehr jung.
Für Heike und ihre Freundinnen, alle um die vierzig, vor der Tür in der Wilmersdorfer Nacht ist die Sache klar: Nie wieder. Früher - das war die Zeit, als Heike selber im Annabelle's gekellnert hat - da war alles anders. Natürlich. Paris Hilton sei da gewesen, und die Berliner Society, "Leute mit Stil". Aber heute? "Es ist vorbei", sagt Heike. "Da waren ja nur kleine Jungs drin. Kein einziger deutscher Mann" sei in dieser Sonnabendnacht da gewesen, "nur Türken und Araber".
Das stimmt natürlich nicht. Ein paar Schüler des Schiller-Gymnasiums aus Potsdam sind gekommen: Die Jungs tragen Jeans und aus der Hose hängenden weißen Hemden, die Mädchen sind auf dicke Party geschminkt. Sie haben sich Wodka in ihre Sitzecke bringen lassen, flaschenweise. Jetzt turnen sie auf den Sitzbänken rum. Hier reckt sich ein Arm in die Höhe, hier ein Finger. Vor allem die Jungs bewegen sich so, wie man sich bewegt, wenn man aussehen will, als habe man richtig Spaß. Eine Stufe darunter, auf der Tanzfläche tanzt das junge Publikum zu Black Music und House. Es ist nicht voll - 350 Leute würden in den Club passen. Die obere Etage samt Bar bleibt in dieser Nacht geschlossen.
Und wie das nun mit den Türken? Ein nicht mehr ganz junger Gast fällt in dieser Nacht auf: Halbglatze, Nickelbrille, teurer Anzug. Er beobachtet wohlwollend das wild posierende Publikum. Der Mann stellt sich als langjähriger Besitzer mehrerer türkischer Clubs in Berlin vor - ein Geschäft, das er mittlerweile aufgegeben habe. "Zu viel Stress mit dem anspruchsvollen Publikum, zu viel Aggression", erklärt er. Und das Annabelle's? Ihm leuchten die Augen, wenn er sehe, wie entspannt Partys mit vielen Türken auch sein können, sagt er.
Alexander Posth will Partys mit jungem Publikum pflegen. Er hat erst vor drei Monaten den Laden übernommen, nachdem er ihn als Gast, dann als Angestellter kennen gelernt hatte. Er setzt auf externe Veranstalter. Da würden beide profitieren: Der Veranstalter kassiert den Eintritt, der Betreiber die Bareinnahmen. Man müsse nur aufpassen, dass man nicht überdreht. "Es geht ums Image", sagt Posth.
Aber natürlich bleibe das Annabelle's erster Anlaufpunkt für Einsteiger ins Nachtleben. Das sei so seit der Gründung Anfang der Neunzigerjahre. "Wir sind eben der Club für die Grunewalder und Dahlemer Jugend. Wir sind der Club der Abi-Feiern besserer Schulen", sagt er. Er habe schon Anfragen für 2007.
Doch nur von jungem Publikum kann selbst das Annabelle's nicht leben. Es treffe sich gut, sagt der Chef, dass sich eine Verbindung zu reichen russischen Juden in London entwickelt habe. Die kämen regelmäßig zum Feiern. Und so kommt es, dass das Annabelle's der Club in Berlin ist, der im Jahr die meisten Sechs-Liter-Flaschen Grey Goose Wodka verkauft. 30 Flaschen sollen es dieses Jahr gewesen sein. Eine kostet 1 100 Euro.
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Was geht und was nicht
Hier ist man unter:
West-Berlinern - solchen, die es bleiben wollen.
Es läuft:
Black, House, Charts.
Fühlt sich an wie:
sich Set-Designer des MDR eine Lasterhöhle vorstellen. Voll verrucht.
Preise:
Der Eintritt kostet je nach Veranstaltung 8 bis 10 Euro. Bier 4, Flasche Champagner ab 73 Euro.
Besser nicht:
Understatement erwarten. Hier gilt: Wer hat, der zeigt. Wer nicht hat, trotzdem.
Wie komme ich hin?
S 41, S 42, S 46, S 47, U 3, Busse 249, N 3.
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Der Club ist - außer bei Sonderveranstaltungen - freitags und sonnabends ab 23 Uhr geöffnet. Programm unter www.annabelles.de
Berliner Zeitung, 21.12.2006