Club-Serie

Teil 16

Unser kleiner Konzern

Wir bilden aus: Das Sage hat sich vom Szeneladen zum Familienbetrieb für Kreative entwickelt

Elmar Schütze

Was ist das Sage? Ein Club für elektronische Musik jeder Couleur? Ein Catering-Unternehmen für das Hoffest des Regierenden Bürgermeisters und die MoMa-Ausstellung? Eine Booking-Agentur für internationale Künstler? Eine Cocktail-Schule mit IHK-Prüfungszertifikat? Ein Verleih für Stretchlimousinen und Oldtimer? Ein karitativer Verein, der ein Krankenhaus in Afrika finanziert? Tatsächlich ist das Sage alles zusammen. Ein Sammelsurium an Subunternehmen, entstanden in neun Jahren. Ein kleiner Konzern mit 25 Festangestellten, zehn Auszubildenden und einem Salbeipflänzchen (Englisch: Sage) als Symbol.

Es ist der Ort, der all die Divisionen, wie die Sage-Leute ihre verschiedenen Abteilungen nennen, zusammenhält. Der Ort ist so etwas wie die verbindende Idee. Man sieht es der Stahltür am Ende einer Treppe im U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße nicht an, aber in den Räumen hinter ihr hat sich Musikgeschichte abgespielt. Im Jahr 1990 entstanden überall Clubs in maroden Ost-Gebäuden, hier wurde die Musik gespielt, für die Berlin bald weltweit stehen sollte: Techno. Mitten durch die Heinrich-Heine-Straße verlief die Mauer, nachdem sie gefallen war, etablierte sich in den leeren Räumen am U-Bahnhof der Walfisch. Einer von diesen Clubs ohne jede Genehmigung. Und die Einrichtung war irgendwo zusammengekramt, was aber niemanden gestört hat, weil sich keiner hinsetzte. Man war zum Tanzen da - oder zum Staunen.

Der Walfisch soff ab, es folgte das Boogaloo, ein Club für HipHop und Black Musik - einer der wichtigsten für diese Musik damals, Mitte der neunziger Jahre. "Das Boogaloo war Kult, aber auch ein Graus", sagt Gastronom Jan Schröder. "Alles Sperrholz, ein riesiger Müllberg." Als auch das Boogaloo dichtmachte, gewannen Schröder und seine Partner, darunter der längst ausgeschiedene Frank Spindler (bis vor kurzem Co-Chef im Spindler & Klatt), das Rennen um den Mietvertrag für die Party-Immobilie. Sie stachen dabei DJ Tomekk aus. Die illegalen Vorgänger-Clubs hatten zwar bei Anwohnern und Behörden "verbrannte Erde hinterlassen", wie Schröder sagt, doch der Ruf des Ortes war legendär. Die Neuen wollten weg von der Szene. "Es gab damals ganz stark dieses Bedürfnis nach etwas Neuem", sagt Schröder. Nach etwas Schickerem. "So etwas wie der Dschungel", sagt Schröder. Das war der Vorzeige-Club des alten West-Berlin, lange vor dem 90 Grad.

So ist es kein Wunder, dass das Sage das Rennen um namhafte Gäste nie mitgemacht hat, auch wenn es an der Heinrich-Heine-Straße mitunter durchaus glamourös zugeht. Aber Promis? Überrascht reagieren die Sage-Leute, wenn man ihnen erzählt, was etwa dem Sänger der Boygroup US5 im Sage passiert ist. Der sei beim Sex auf dem Klo fotografiert und mit den Bildern erpresst worden. Sex auf dem Klo? Mag sein. US5? Nie gehört!

Das Zentrum des Clubs war und ist der Drachenraum. Auch heute noch ist an der Wand des Gewölbes in alter Industriearchitektur ein schmiedeeisernes Ungetüm angebracht. Es spuckt Rauch und Feuer über die Tanzenden. Die recken ihre Arme in die Höhe. Sehr suggestiv.

Längst hat sich das Sage in den Hof hineingefressen. Es gibt drei Floors, eine Haupthalle mit Bühne und Theke, groß genug für Go-Go-Girls, aber auch ein Separee im Keller. Eine Zeltstadt beherbergt Bars und den VIP-Bereich, im Sommer gibt es einen Pool. Ende November zum neunten Geburtstag des Sage zum Beispiel war es jede Nacht krachvoll. Das Publikum ist bemerkenswert heterogen: Mitte-Leute, Abiturienten, Türken, Langhaarige, Anzugträger, Ossis, Wessis - je nach Vorliebe und Wochentag. Von Techno bis R'n'B reicht das Musikspektrum. Noch, muss man sagen, denn das Sage steckt mal wieder im Umbau, einem programmatischen diesmal. "Die ganze Kultur um Hip-Hop ist uns zu speziell geworden. Es gibt da ein gewisses Aggressionspotenzial, auf das wir keine Lust haben", sagt Schröder. Es soll künftig mehr Elektro oder House geben. Erwachsenenprogramm. Da klingt auch der Familienvater durch, der Schröder mittlerweile ist.

Jan Schröder hat Kellner gelernt und ist jetzt Manager. So ähnlich habe sich das auch bei den anderen vom Sage ergeben. Man pflegt, was man aufgebaut hat. Etwa das angrenzende Haus mit Untermietern wie Eventagenturen, Designern, der Band Beatsteaks. Im Laufe der Jahre ist ein neues Selbstverständnis darüber entstanden, was das Sage sein will: ein familiärer Ort für Kreative, die gerne etwas durchgeknallter sein dürfen als die Konkurrenz. Und auch ein Ausbildungsbetrieb. Schröder sagt das mit Stolz - und nimmt dafür auch gern in Kauf, dass das Sage nur noch selten in den Listen der angeblich heißesten Clubs auftaucht. "Wir waren eben noch nie ein Szeneladen", sagt er.

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Was geht und was nicht:

Hier ist man unter:

Nachtmenschen mit Hang zur Traditionspflege.

Es läuft:

House, Elektro, Techno, Rock. Und zur Zeit auch noch R'n'B.

Fühlt sich an wie:

Deutsches Historisches Museum, Abteilung: Berliner Nachtleben, Zeit: 1990-1999.

Preise:

Eintritt je nach Tag und Uhrzeit zwischen 0 und 8 Euro. Bier 2,50 Euro, Cocktail ab 5 Euro.

Besser nicht:

Die ganz neuen Ausgeh-Trends erwarten.

Wie komme ich hin?

U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße, dann Treppe hoch; S-Bahn Jannowitzbrücke. Die Busse 147 und N65 halten vor der Tür.

Geöffnet Do ab 19, Fr bis So ab 23 Uhr. Info unter: www.sage-club.de

Berliner Zeitung, 8.12.2006