Club-Serie

Teil 13

Die Mittwochsmädchen

Die Besucher im Matrix sind seit zehn Jahren gleich alt. Es sind Schüler und Abiturienten wie Steffi und ihre "Ladies First"-Gang

Andreas Merkel

Natürlich geht keine alleine. Nicole, Jenny, Lisa, Alex und Steffi sind alle zwischen 19 und 21 Jahre alt, sie haben dieses Jahr am Anne-Frank-Gymnasium in Altglienicke ihr Abi gemacht und sie gehen am liebsten gemeinsam ins Matrix. Sie alle tragen den Mädchen-Look mit Trägershirts und Polohemden, lässigen Jeans und Turnschuhen - aber sie glucken nicht aufgetakelt zusammen oder kreischen nach dem zweiten Sex on the Beach in der Gegend herum. Sie sind schließlich Stammgäste hier.

Es ist Mittwoch, halb zwölf, und die fünf lassen es bei einem Gläschen Weißwein ruhig angehen. Man unterhält sich entspannt untereinander, aber auch mit anderen. Die fünf Frauen gehören zur neuesten Welle immer gleichbleibend junger Nachtschwärmer aus Schülern und Schulabgängern, die dem Club in den U-Bahnhof-Bögen an der Warschauer Straße seit zehn Jahren so verlässlich die Treue halten, dass andere Clubbetreiber schon neidisch sind. Als würde ein Jahrgang die Fackel an den nächsten weiterreichen.

Moderne Gewölbe

Dabei ist das Matrix, 1996 als Techno-Club im seinerzeit fast gesetzlich vorgeschriebenen Keller-Look eröffnet, auf den ersten Blick ein ganz normaler Laden. Mit dem üblichen Aufwand an Beleuchtung und Sound bemüht man sich, die Ziegelsteingewölbe luxuriös wirken zu lassen. Mit vier Tanzflächen, diversen Cocktail-Lounges und einem Pool will man so "modern" sein, wie das nur in den Neunzigerjahren hip war. Zum zehnjährigen Jubiläum veranstaltete der Club gerade erst das dreitägige Showspektakel "Stranded in the Future": eine Motto-Party zum Jahr 2016.

Den durchschnittlichen Matrix-Besucher scheint so ein Bohei nicht zu stören, auch wenn es für Nicole, Jenny, Lisa, Alex und Steffi eher "Gestrandet in der Vergangenheit" heißen müsste. "Ins Matrix sind wir eben schon zu Schulzeiten gegangen", betonen die Fünf. Weil sie mit dem Ende ihrer Schulzeit nicht auch das Ende ihrer Schulfreundschaft erleben wollten, gehen sie weiter hin. Und das bevorzugt mittwochs, zum "Weibertreff", wie Nicole das nennt. Dann ist im Matrix "Ladies First": Frauen haben bis Mitternacht freien Eintritt.

Also sind die fünf Freundinnen immer schon pünktlich da, nachdem sie privat oder in einer der unzähligen Friedrichshainer Bars in der Nähe mit einem Drink oder einer Shisha (Wasserpfeife) in den Abend gestartet sind. Durch die Mitternachtsregel wirkt der Laden relativ früh schon überraschend gut besucht. "Das ist noch gar nichts, da musst du mal herkommen, wenn Ferien sind", korrigiert aber die 21-jährige Steffi Löffler fachmännisch.

Steffi muss es wissen, sie wurde von ihren Freundinnen sofort als Matrix-Expertin vorgeschickt. Sie hat damit als die Offenste und Selbstbewussteste aus der Runde kein Problem. Zur Zeit ist sie, schlimmes Wort: "Ausbildungsplatzsuchende, so muss das, glaube ich, heißen", während ihre Freundinnen schon Bank- und Hotelkauffrau, Mechatronikerin und "ReNoFa", also Rechtsanwalts-Notar-Fachangestellte lernen.

"Klar kommen wir auch am Freitag und Sonnabend hierher", erklärt die ausgehfreudige Steffi, "dann auch mit Jungs und in größeren Gruppen." Aber so, "unter Mädels", sei es eben schöner. Das finden auch die anderen. Man sehe sich eh zu selten, und so "lässt sich einfach besser ablästern". Über allzu tussihaft rumlaufende Mädchen oder zu penetrant baggernde Typen mit südländischem Einschlag, Gott und die Welt, das ganz normale volle Programm.

Die Jungs kann man vergessen

Stichwort Jungs: Natürlich kommen die auch in Scharen zu einer Veranstaltung, die "Ladies First" heißt. "Wenn man es darauf anlegt, wird man auch angesprochen", weiß Steffi, aber sie ist fest liiert. "Mein Freund ist gerade in Stuttgart, sonst wäre der auch hier." Natürlich gehört es zum guten Ton, an den anwesenden Vertretern des anderen Geschlechts kein gutes Haar zu lassen: "Die Jungs hier kannst du doch alle vergessen!" Aber gegen einen kleinen Flirt oder die Einladung auf einen Drink haben die Mädchen nichts einzuwenden. Steffis Freundin Jenny hat sogar mal einen Freund im Matrix kennengelernt. "Das hielt immerhin zwei Monate", sagt sie.

Inzwischen ist es nach ein Uhr und die Tanzfläche an einem normalen Wochentag knüppeldickevoll. Der DJ spielt Ini Kamozes elf Jahre alten Hit "Here Comes The Hotstepper", ansonsten querbeet durch alle tanzbaren Stilrichtungen, was Steffi gefällt. "HipHop, R'n'B, ein bisschen Techno und House", beantwortet sie die Frage nach ihrer Lieblingsmusik wie fast alle in diesem Alter.

Dann stürmen drei Gogo-Tänzer mit durchtrainierten Bauchmuskeln und hochgegelter Schweinsteiger-Frisur die Bühne vor dem DJ-Pult. Steffi holt sich erstmal zwei Tequilas, die gibt es hier mittwochs immer zum Preis von einem. Die Stimmung ist gut und die Nacht jung. Selbst Steffis Freundin Jenny, die als angehende Bankkauffrau früh raus muss, will mindestens noch zwei Stunden bleiben. Steffi wird wie an den meisten dieser Abende zwischen 20 und 30 Euro im Matrix ausgeben. Und nach Hause geht es nicht vor fünf. Wenn die erste S-Bahn wieder fährt, zurück nach Altglienicke.

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Was geht und was nicht

Hier ist man unter: Vierundzwanzig.

Es läuft: R'n'B, HipHop, Soul, Disco, Pop, vorsichtiger House.

Fühlt sich an wie: Best of Abi-Fete 2003 bis 2006.

Preise: Eintritt: je nach Tag. Mittwochs 4 Euro (Frauen bis 24 Uhr frei). Bier 2,50 Euro, Cocktail Sex on the beach 6,50 Euro (in der Regel: Buy 1 get 2)

Besser nicht: Mittwochs vor fünf heimgehen. Vorher fährt keine S-Bahn.

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Das Matrix hat Montag bis Sonnabend ab 22 oder 23 Uhr geöffnet. Programm unter www.matrix-berlin.de

Berliner Zeitung, 30.11.2006