Club-Serie

Spindler und Klatt
Im Spindler und Klatt
Teil 9

Tisch oder Bett

Im Spindler & Klatt kann man essen und tanzen. Das Konzept ist nicht neu, aber hier funktioniert es besonders gut

Wiebke Hollersen

Wer zum ersten Mal da ist und noch ein wenig unsicher, den schickt Araba an einen Tisch. Im Spindler & Klatt kann man in Betten essen, für diese großen, hellen, Kissen gefüllten Betten ist das Kreuzberger Clubrestaurant bekannt. Es hat aber auch einfache, dunkle Holztische mit einfachen, dunklen Holzhockern. Tisch oder Bett? Araba braucht nur Sekunden, um das zu entscheiden.

Die große, schöne Frau Ende 20 schaut den Gästen in die Augen, sie schaut in das Reservierungsbuch auf dem Stehpult vor sich, sie schaut in den weißen Raum hinter sich. Die Gäste haben da ihren Mantel geöffnet, sich an das gedämpfte Licht gewöhnt, die Stoffbahnen bestaunt, die sich nun öffnen. Araba lächelt und sagt: "Ich zeige Ihnen Ihre Plätze."

Die Show hat begonnen. Araba Walton ist Schauspielerin. Sie schafft es, sanft und zugleich resolut zu wirken. Im Spindler & Klatt hat sie jeden Freitag, Sonnabend und bei Veranstaltungen einen Job, der sich "Host" nennt. Das heißt so viel wie Gastgeber. Araba sagt: "Mein Job ist es, die Leute glücklich zu machen. Von mir bekommen sie das erste Lächeln des Abends."

Restaurant im Getreidelager

Das Lächeln einer schönen Frau ist so ziemlich das Gegenteil der normalen Begrüßung in einem Berliner Club. Auch in den Restaurants der Stadt ist es nicht immer üblich. Das Spindler & Klatt ist beides, ein Clubrestaurant. Sein Erfolg widerlegt das Klischee, das eine gewisse Unfreundlichkeit in Berlin für den Ruf eines Ladens fast so wichtig ist wie eine alte Industriehalle.

Das Spindler & Klatt ist trotz Lächeln Berlins zurzeit bekanntestes Clubrestaurant. Sein Ruf kommt zwar nicht ganz an den von Cookies Restaurant im Club heran, aber das machte gerade zu, als das Spindler & Klatt aufmachte. Das Oxymoron und das Felix verbinden seit einer ganzen Weile Essen und Tanzen. Das erste ist eher für das Essen, das zweite für das Tanzen bekannt. Das gescheiterte Goya schaffte es nie, normales Clubpublikum an den Nollendorfplatz zu locken.

Ins Spindler & Klatt kommt es. Vielleicht auch, weil Jesko Klatt mit der alten Halle dienen kann. Jesko Klatt ist 35 und steckt gerade in einer Trennung, und zwar der von seinem Geschäftspartner Frank Spindler. Spindler wird das Clubrestaurant verlassen, die Konditionen sind noch nicht geklärt. Jesko Klatt sagt nur: "Im Club bleibt alles, wie es ist. Der Ort, der Name, die Crew." Klatt, der bis dahin Filme ausleuchtete, und Spindler, der einst den Sage-Club weiter unten in der Köpenicker Straße mitbegründete, waren ewig befreundet, als sie vor etwa drei Jahren begannen, sich gemeinsam nach einem Ort für einen großen Club umzusehen.

Sie fanden die 1 000-Quadratmeter-Halle am Spreeufer, in der einst das Getreide der preußischen Heeresbäckerei lagerte. Die Bäckerei von 1805 in der Köpenicker Straße steht noch immer größtenteils leer. Wer zum Clubrestaurant will, muss an dem Backsteinbau vorbei und durch ein Tor, das nur einen Spalt weit aufsteht - unter einer gespannten Metallkette. Ein Lichtkegel fällt auf diesen Eingang, dahinter ist es wieder dunkel, zumindest im Winter, wenn keine Tische auf der Terrasse an der Spree stehen.

Jesko Klatts Karriere als Filmbeleuchter sieht man seinem Laden an. Er hat fast die gesamte Inneneinrichtung selbst entworfen. Das von Stoffbahnen abgegrenzte, als Raum im Raum liegende Restaurant. Die zu Toiletten umfunktionierten Übersee-Container. Den Club-Bereich mit der Bar, die teilweise aus Lichtfäden zu bestehen scheint. Am 1. Dezember soll zur nächsten Party aus der Konzert-Reihe "Live Demo" die Terrasse neu eingeweiht werden - winterfest in einen "Klarsichttrichter" gepackt. Die Membranen baut die Firma, die auch das Badeschiff für den Winter einhüllt. Klatt beschreibt den gewünschten Effekt so: "Die Leute kommen - und wow."

Das Spindler & Klatt eröffnete im Januar 2005 mit der Abschlussparty der Modemesse Bread and Butter - die damals weit davon entfernt war, Berlin zu verlassen. Es war ein Anfang, den man nicht übersehen konnte. Im Februar 2006 feierten Hollywoodstars George Clooney und Vin Diesel schon hier. Der Club hatte zwei der begehrten Berlinale-Premieren-Partys ergattert, und gezeigt, wie schnell man sich auch als Veranstaltungsort etablieren kann.

Jesko Klatt sagt, dass ein Berliner Club auch Berlin enthalten muss. Dass er nicht zu glatt sein darf, dass das Entdecken ein Teil des Spiels ist, das die Berliner nachts spielen wollen. Und ihre Gäste offenbar auch. An einem Tisch sitzt ein Paar aus Lissabon. Sie sind Mitte 30, Eltern, sie machen manchmal übers Wochenende gut organisierte Städtereisen. "Wir haben für Berlin drei besondere Restaurants im Internet gesucht und vorbestellt", sagt sie. "Das hier haben wir während der WM im Fernsehen gesehen", sagt er. Sie bestellen drei Gänge: Garnelenspieße mit Chili-Limetten-Dip, Steinpilzrisotto und "Rumpsteak an knackigem Gemüse mit Thais-Basilikum und Ingwer", Schokoladenmousse und Zitronentarte. "Es war gut, die Desserts nicht ganz so", sagen beide.

Das Restaurant ist voll an diesem Abend. 250 Leute wollen essen. Viele müssen warten, verzeihen es den Kellnern aber. Restaurantkritiker haben sich regelmäßig über Service und Essen entzürnt. Tatsächlich ist das Risotto nicht zu pampig und das Steak nicht zäh, im Gegenteil. Jesko Klatt sagt, dass die Größe des Ladens nicht jedem Koch lag, dreimal hat der Küchenchef gewechselt. "Ich finde, jetzt stimmt alles."

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Was geht und was nicht

Hier ist man unter: Erwachsenen, die ihr Essen wieder ans Bett serviert bekommen möchten.

Es läuft: Lounge-Musik zum Essen. Später je nach Veranstaltung House, Elektro, HipHop. Manchmal spielen klassische Musiker live.

Fühlt sich an wie: Kulisse für einen Film über das Studio 54.

Preise: Eintritt je nach Programm, Hauptspeisen 11 bis 19 Euro, Glas Wein 3 Euro, Cocktails ab 7 Euro.

Besser nicht: Sonnabends ohne Reservierung ins Restaurant wollen. Reservieren, um den Club-Eintritt zu sparen, und nur eine Cola bestellen.

Wie komme ich hin? Mit der U-Bahn bis Schlesisches Tor, die Köpenicker Straße etwa zehn Minuten herunterlaufen. An dem dunklen Backsteingebäude an der Ecke Brommystraße vorbei in Richtrung Spree. Mit den Buslinien 147 oder N65 bis Haltestelle Eisenbahnstraße.

Hier geht es zur Homepage: www.spindlerklatt.com

Berliner Zeitung, 18.11.2006