- Aktuelle Ausgabe
- Spezial
-
- Anzeigenmarkt
- Service
- Informationen
|
ddp
Echte Hirsche gibt es auf der Stag Night eher selten. Dafür aber trinkfreudige Junggesellen.
Wir saufen, du heiratest
In Berlin trifft man nachts immer öfter Junggesellen auf Abschiedstour. Manche kommen dafür sogar aus England
Anne Lena Mösken
Im White Trash am unteren Ende der Schönhauser Allee steht Paul aus Middlesbrough, dreißig Jahre alt, und seine Tage als Junggeselle sind gezählt. Paul ist deswegen heute Superman. Um ihn herum stehen Superwoman, Batman und Robin und ein Haufen "Bad Guys" in Sträflingskostümen. Wären die Männer nicht so betrunken, könnte man sie glatt für den nächsten Show-Gig halten. Doch schon morgen geht es für Paul und seine Freunde im Billigflieger zurück nach England. "Wir sind hier zur Stag Night. It's fun", sagt einer der Begleiter. Stag Night heißt so viel wie Junggesellenabschied.
Vor ihnen ist niemand sicher. Sie sind laut, sie sind hartnäckig und sie sind viele. Wer in einer Sonnabendnacht die Oranienburger Straße entlangschlendert, wer sich auf dem Weg in den Club durch die Simon-Dach-Straße traut, ist ihnen ausgeliefert. Auf einmal stehen sie da, in selbst bedruckten Poloshirts, johlend, grölend, mit glasigen Blicken, Blumenketten um den Hals, sie ziehen Bierfässer im Kinderwagen hinter sich her. In ihrer Mitte steht er, als Frau verkleidet oder im Kuhkostüm: der Junggeselle, dessen Tage gezählt sind. Am besten, man bezahlt gleich.
Der Junggesellenabschied ist ein Brauch, der aus Großbritannien kommt. Stag Night heißt er dort, was so viel heißt wie "Nacht des Hirsches". Dabei ging es ursprünglich darum, zu prüfen, ob der künftige Bräutigam über seine ehelichen Pflichten Bescheid weiß. Mittlerweile geht es bei den Stag Parties eigentlich nur noch ums Saufen. Und auch Frauen feiern ihren vermeintlich letzten Abend in Freiheit, ebenso feucht fröhlich, mit kleinem Schleierchen im Haar. Statt gegrölt wird gekreischt.
In Berlin ist bei Junggesellenabschiedlern die S-Bahnlinie zwischen Zoo und Warschauer Straße beliebt. Los geht's auf dem Kudamm, ein Zwischenstopp am Hauptbahnhof, wo es sich wegen der vielen Touristen Kondome und Kurze besonders gut verkaufen. Am Hackeschen Markt ist für manche schon der Endpunkt erreicht. Für Micha zum Beispiel. Er steht zwischen einem Duzend Freunden auf der Oranienburger Straße. Der 31-Jährige ist, gutbürgerlich, Versicherungskaufmann. Er trägt eine Tunika aus rotem Satin und einen goldenen Plastiklorbeerkranz, der schon etwas schief in seinem blonden Haar steckt. Micha will Anna heiraten. "Anna, du bist von vorne wie von hinten", grölen die Kumpels und klopfen Micha auf die Schulter. Der wird heute ihre Drinks bezahlen. Motto: "Wir saufen, du heiratest." Micha verkauft deswegen schon seit ein paar Stunden Schnäpse für zwei Euro das Stück. Später wird er sich in der Bar "am to pm" auf der Damentoilette wiederfinden. Mit Handschellen angekettet soll er sich dort freikaufen lassen. Und natürlich ist auch noch eine Stripperin bestellt.
"Junggesellenabschiede haben Hochkonjunktur", sagt Julia Erbe vom "am to pm". Der Laden ist 24 Stunden täglich geöffnet und liegt perfekt: Wer mit der S-Bahn am Hackeschen Markt ankommt und die Treppe hinunterläuft, steht praktisch schon in der bunt beleuchteten Bar zwischen Korbsesseln und Palmen. Die Parties hier heißen "Night Life" oder "Thank God, it's Friday". In den letzten drei Monaten gab es jedes Wochenende Junggesellenabschiede. Meist kommen große Gruppen mit zehn, zwanzig Leuten, auch viele Engländer, fast immer verkleidet. "Die haben wirklich witzige Ideen", sagt Julia Erbe. Im "am to pm" kann man seine Stripperin selbst mitbringen. Was die Gegend am Hackeschen Markt so attraktiv macht? "Das hier ist das Montmartre von Berlin. Wer würde hier nicht gerne feiern gehen?", sagt Julia Erbe.
Junggesellenabschiede gibt es in den unterschiedlichsten Facetten. Da steht Ingenieur Sören, der Heike heiraten will, mit seinen drei besten Freunden und einer zerbeulten Blechbüchse zwischen Straßencafés. Eigentlich wollen sie nur ein bisschen feiern, weil man das halt so macht. Und allzu peinlich ist es ihm nicht, Schnaps zu verkaufen.
Es gibt auch die aufwändige Variante mit ausgeklügelten Aufgaben und tiefsinnigen Verkleidungen für den Bräutigam in spe. René läuft am frühen Abend im Sträflingsanzug durch Mitte und trägt seine Verlobte Anett als Foto auf einem Holzscheit unter dem Arm. "Das ist sein Klotz am Bein", brüllen die Freunde. René muss heute Passantinnen die Lippen rot anmalen und sich von ihnen auf die Wange küssen lassen. Außerdem soll er möglichst vielen Frauen die Telefonnummer entlocken und sie auf sein T-Shirt unter die Aufschrift "lebenslänglich" schreiben. Und dann ist da noch die Sache mit den Waschzettelchen, die er vorbeigehenden Frauen aus ihren Unterhosen herausschneiden soll. Die Liste, die René von seinen Freunden bekommen hat, ist lang. Er lächelt zerknirscht. Was soll's.
Um die britischen Junggesellenabschiede hat sich mittlerweile ein ganzer Tourismuszweig gebildet. Weil Alkohol in Großbritannien so teuer ist, fliegen immer mehr Briten zur Stag Night ins Ausland. Agenturen bieten Allround-Pakete mit geführter Nachtclubtour. Eines der Hauptziele ist bisher Prag.
Allerdings; sollte Paul aus Middlesbrough mal wieder zu einer Stag Night - es muss ja nicht die eigene sein - nach Berlin kommen wollen, müsste er sich vielleicht einen anderen Laden aussuchen. Im White Trash heißt es neuerdings schon mal: Junggesellenabschiede, bitte nicht!
-------------------------------
Achtung, Hirsche!
Stag heißt Hirsch auf Englisch. Hirsch-Nacht heißt also der englische Brauch, Junggesellenabschied zu feiern. Zunächst soll es sich um ein Fest beim Vater des Bräutigams gehandelt haben. Laut Wikipedia finden mittlerweile siebzig Prozent der britischen Stag Parties im Ausland statt, vor allem in Osteuropa, weil der Alkohol dort billiger ist.
White Trash Fast Food: Schönhauser Allee 6/7, Prenzlauer Berg, täglich ab 18, Programm ab 21 Uhr.
am to pm: Am Zwirngraben 2, Hackescher Markt, Mitte.
Berliner Zeitung, 04.10.2007
|
|