Vier Kinder, vierzehn Hunde
Polizei räumt völlig verwahrloste Wohnung - Töchter vorerst von Mutter getrennt
Jens Blankennagel
Löhme - Immer wieder heißt es, vor allem die Anonymität der Großstadt sorgt dafür, dass die Verwahrlosung in Familien unentdeckt bleibt. Doch der Fall der 37-jährigen Mutter Sylvia A. und ihrer vier Kinder in Löhme (Barnim) beweist, dass mancher Missstand auch auf einem Dorf der sozialen Kontrolle durch die Nachbarn entgeht - und dass das Jugendamt versagt hat, wie selbst der amtierende Landrat Carsten Bockhardt (CDU) einräumte.
Denn der Fall, in dem es um vier Mädchen zwischen neun und 16 Jahren geht, ist dem Jugendamt seit Mai bekannt. Es wurde vom zuständigen Ordnungsamt über einen Streit zwischen Sylvia A. und ihrem Vermieter informiert. Das Jugendamt schickte nach eigener Auskunft zwei Mitarbeiter zu einem Vor-Ort-Termin. "Die Wohnung war noch nicht fertig renoviert, weil die Mutter wegen des Streits mit dem Vermieter wieder ausziehen wollte", sagte Jugendamtsleiterin Silvia Ulonska. "Unsere Aufgabe ist zu überprüfen, ob sich die Kinder in einem lebensgefährlichen Zustand befinden." Da dies nicht der Fall gewesen sei, war ein Eingreifen nicht erforderlich. Auch die Schule habe dem Amt bestätigt, dass die Kinder regelmäßig - "gut ernährt und in normaler Kleidung" zum Unterricht kamen.
In der Vorwoche riefen dann ein Fernsehteam und der Vermieter die Polizei. Der Vermieter behauptet, nie die Miete von 600 Euro erhalten zu haben. Er hatte das Jugendamt informiert, auch das Bodenschutzamt schlug Alarm, weil die Müllberge vor dem Haus der Mutter immer höher wuchsen. "Als die Kollegen von dort zurückkamen, stand ihnen das Entsetzen ins Gesicht geschrieben", sagte Polizeisprecherin Martina Schaub. "Der Polizeiführer, der schon zu vielen ähnlichen Einsätzen gerufen wurde, sagte, ein solches Ausmaß von Verwahrlosung habe er noch nicht erlebt." Die Zustände seien "unwürdig" und "gesundheitsgefährdend" gewesen.
Ohne Wasser und Strom
Die Kinder schliefen auf dreckigen Matratzen, die sie mit mehr als einem Dutzend Kampfhunden teilen mussten: ein Dobermann-Mix, zwei Staffordshire sowie elf Welpen. In der Wohnung soll es ekelerregend gestunken haben. Die Hunde pinkelten im Haus, auf den Matratzen lag Hundekot. Da die Mutter weder Miete noch andere Rechnungen zahlte, waren Wasser und Strom abgestellt. Im Kühlschrank fand sich verwestes Essen voller Maden.
Drei der vier Kinder waren anwesend und wurden sofort in eine Jugendeinrichtung gebracht. Den Aufenthaltsort der vierten Tochter zu nennen, weigerte sich die Mutter. "Das Kind wurde aber inzwischen ebenfalls gefunden und kam in Obhut", sagte die Polizeisprecherin. Auch die Hunde kamen in ein Tierheim, weil sie nicht artgerecht gehalten wurden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wird gegen die Mutter wegen Verletzung der Fürsorgepflicht ermittelt.
Die Ermittler sind vor allem darüber so entsetzt, weil Sylvia A. selbst seit Jahren als Sozialarbeiterin in einer Kinder- und Jugendeinrichtung in Berlin arbeitet. "Nun hat sie selbst Hilfe gebraucht und niemand hat es mitbekommen", sagte ein Ermittler. Da die Frau sehr selbstbewusst aufgetreten sei, habe offenbar niemand Probleme gesehen. Die Müllberge vor dem Haus wurden als "alternative Lebenskultur" interpretiert. "Kinder von den Eltern zu trennen ist der letzte Schritt", sagte der Ermittler. "Aber in diesem Fall muss der Frau erst einmal klargemacht werden, dass sie ein echtes Problem hat."
Amtsleiterin Ulonska sagte: "Die Kinder waren und sind nicht verwahrlost. Das war nur die Wohnung." Von den Zuständen wusste das Amt aber nichts, da nach dem ersten Vor-Ort-Termin nur telefonischer Kontakt mit der Mutter bestanden habe oder sie selbst im Amt erschien. Dort wurde den Aussagen der Mutter geglaubt - ohne Kontrolle der Wohnung. Das sei ein Fehler gewesen, sagte Ulonska. "Wenn künftig eine Mitteilung über eine mögliche Gefährdung von Kindern eingeht, werden wir nicht nur die Kinder in Augenschein nehmen, sondern auch ihr Lebensumfeld."
Gestern wurden die Sperrmüllberge vor dem Haus in Löhme entfernt. Die Frau kündigte an, die Kinder auch künftig selbstständig erziehen zu wollen. Finanzielle Probleme habe sie nicht. "Wir werden der Frau eine sozialpädagogische Begleiterin zur Seite stellen", sagte Jugendamtsleiterin Ulonska gegenüber der Berliner Zeitung. "Und wir werden die Kontrollen in ähnlichen Fällen deutlich verstärken.
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Im unbeheizten Anbau
Gerichte: Die Zahl der Fälle, bei denen Kinder gegen den ausdrücklichen Willen ihrer Eltern von den Gerichten aus den Familien genommen wurden, verdoppelte sich bundesweit von 2006 auf 2007 - von 151 auf 306 Fälle.
Januar 2006: Die Polizei befreit in Blankenfelde (Teltow-Fläming) zwei völlig unterkühlte, vier und sechs Jahre alte Jungs aus einem unbeheizten Anbau des Wohnhauses der Eltern. Das Grundstück war völlig verwahrlost.
Juni 2006: Fünf vernachlässigte Kinder werden in einer verwahrlosten Wohnung in Fürstenwalde entdeckt. Die sechs Monate bis sieben Jahre alten Kinder waren seit längerer Zeit nicht gewaschen, es gab keine Bettwäsche.
Berliner Zeitung, 07.10.2008