Köhler will auch über Fehler reden
Der Bundespräsident freut sich über 18 Jahre deutsche Einheit und verabscheut Besserwisserei
BLZ / ddp / dpa
Hamburg - Deutschland soll nach Ansicht von Bundespräsident Horst Köhler offen mit den Fehlern bei der Wiedervereinigung umgehen. „Praktisch war es unmöglich, im Vereinigungsprozess immer genau zu wissen, was die richtige Entscheidung ist. Deshalb wollen wir nicht länger so tun, als sei alles immer nur richtig gewesen“, sagte das Staatsoberhaupt am Freitag beim Festakt zum 18. Jahrestag der Deutschen Einheit in Hamburg. Der Strukturwandel der vergangenen Jahre habe im Osten und im Westen für tiefe Verunsicherung gesorgt. Insgesamt zog der Bundespräsident aber eine positive Bilanz und hob die Errungenschaften seit der deutschen Wiedervereinigung hervor. „Unser Volk ist frei und politisch geeint. Wir leben in sicheren Grenzen, umgeben von Freunden und Partnern“, so Köhler. Der Wohlstand sei so hoch wie bei wenigen anderen, Demokratie und Recht seien wichtige Elemente. Die deutsche Wirtschaft habe sich erholt „und kann im internationalen Wettbewerb wieder gut mithalten, was uns auch in der aktuellen Finanzkrise hilft“. Auch sei die Arbeitslosigkeit zurückgegangen – wenn auch nicht überall gleich stark. Ziel bleibe, „besonders energisch die Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland abzubauen, die noch immer doppelt so hoch ist wie im Westen“. Ostdeutschland werde darum weiter einer besonderen Unterstützung bedürfen. „Ich freue mich, dass es darüber einen parteiübergreifenden Konsens gibt.“
Mehr Verantwortung in Europa
Mit Blick auf die Zukunft sagte der Bundespräsident, Deutschland stehe nun vor großen Aufgaben. Besondere Aufmerksamkeit gelte dabei den Aspekten Arbeit, Bildung und Chancengleichheit, sowie der „Integration verschiedener Bereiche wie Stadt und Land, Ost und West, Arm und Reich, einheimisch und mit Wurzeln außerhalb Deutschlands.“ Vor diesen Herausforderungen solle man aber nicht bange sein. Deutschland habe aus der Geschichte gelernt und lerne weiter. „Lernfähigkeit ist Teil unserer Kultur, unseres Charakters geworden“, betonte Köhler. „Unser Land hat ja selbst in der jüngsten Geschichte weit größere Herausforderungen gemeistert – nach 1945, nach 1989.“ In diesem Zusammenhang dürfe Deutschland seiner Führungsverantwortung in Europa nicht ausweichen. Die Welt benötige das europäische Modell in Zeiten des globalen Umbruchs: „Trauen wir uns und Europa etwas zu“, forderte Köhler.
Die Mauer in den Köpfen
Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte vor Beginn des Festaktes, junge Menschen müssten stärker mit der einstigen deutschen Teilung vertraut gemacht werden. Viele hätten die Mauer nicht mehr erlebt. Deshalb sei es wichtig, die Teilung des Landes im Geschichtsunterricht zu vermitteln. Auch persönlich habe sich für sie durch den Mauerfall viel verändert. „Ich denke, es ist ein gutes Zeichen, dass ich aus den neuen Ländern heute Bundeskanzlerin für ganz Deutschland bin“, so Merkel.
Der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust, der die Feierlichkeiten in der Hansestadt ausrichtete, sagte, mit 18 Jahren sei die deutsche Einheit „vielleicht noch nicht ganz erwachsen, aber sie ist auf dem besten Weg dahin“. Der amtierende Bundesratspräsident lobte: „Die Mauer in unseren Köpfen ist fast abgetragen.“
Nicht mitfeiern wollten rund 1 600 Linke. Ihre von einem großen Polizeiaufgebot begleitete Demonstration stand unter dem Motto „Hart backbord – kein Grund zum Feiern“. Während des Protestzugs verbrannten die überwiegend schwarz gekleideten Demonstranten eine Deutschlandfahne und riefen Parolen wie „Nie wieder Deutschland“. Man wolle gegen den „reaktionären Einheitstaumel“ demonstrieren, sagte eine Sprecherin der Organisatoren. Die Polizei bezeichnete die Lage am frühen Abend als ruhig.
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Logo für die Jubiläen
Ein eigenes Logo wird das Doppeljubiläum „60 Jahre Bundesrepublik“ und „20 Jahre Mauerfall“ im nächsten Jahr begleiten. Die Bundesregierung und die Verfassungsorgane werden bis zum 3. Oktober 2010 ein schwarz-rot-goldenes „D“ für ihre Außendarstellung nutzen.
Bei der Vorstellung des Logos in Hamburg sagte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble: „Mit dem Jubiläum Freiheit und Einheit feiern wir zwei Ereigniskomplexe, die in einem engen Zusammenhang stehen und grundlegend für die heutige Bundesrepublik Deutschland sind.“
Berliner Zeitung, 04.10.2008