Panik, das ist jene Situation in der keiner weiß, was er tun soll – und das ziemlich schnell.
Seit heute morgen wird vor dem Orkan „Kyrill“ gewarnt. Am Anfang nahm ich das cool zur Kenntnis. Nur keine Panik. Mein Chef meinte noch, die Ankündigung des Orkans mache „mehr Wind“, als würde Condoleezza Rice in der Stadt eintreffen. Wir lachten. Seitdem sind ein paar Stunden vergangen.
Indes hörte ich von einer Verkäuferin, die sofort ihre Kinder abholen musste: Sie wohnt in Brandenburg. Angeblich sollen die Kinder in einigen Gegenden bis 14 Uhr abgeholt werden, sonst würden sie „kostenpflichtig“ von der Polizei nach Hause gebracht. Falls das nicht stimmt, war es eine verdammt gute Ausrede.
In den aktuellen Meldungen kann ich dies verfolgen: Mit der aufkommenden Kaltfront wird es den Meteorologen zufolge Stürme der Windstärke elf bis örtlich zwölf (!) geben.
- Zahlreiche Flüge wurden gestrichen.
- Bundesweit rückten am frühen Abend Tausende Einsatzkräfte aus, um Straßen zu räumen und Schäden zu beheben.
- Die Polizei forderte am Nachmittag per Rundfunk Fahrer von Gefahrgut-Transporten, unbeladenen Lastwagen und Autos mit Anhängern auf, umgehend Raststätten und Parkplätze anzufahren.
- Die Einsatzkräfte des Roten Kreuzes sind in erhöhter Alarmbereitschaft und richten Notunterkünfte ein.
- Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) bereitet sich ebenfalls auf Einsätze vor.
- Ein Intercity-Zug von Hamburg nach Westerland prallte bei Burg gegen einen entwurzelten Baum.
- In vielen Bundesländern hatten die Schüler ab Mittag „sturmfrei“, manche Ortschaften waren kurzzeitig ohne Strom.
- Die Berliner Feuerwehr hat wegen des Unwetters am Donnerstagabend den Ausnahmezustand ausgerufen.
Vor einer Stunde habe ich jedenfalls meinen Kindern Stubenarrest verordnet und versuche nun schnell nach Hause zu kommen. Ich bin da pragmatisch und denke: Ich muss nicht alles erleben. Und: Es ist schwer mit gebrochenen Armen seine Zähne einzusammeln ...
Tatsächlich ist das die Situation:
- In Nordfrankreich ist eine Fahrprüferin während des Sturms von einem Strommast erschlagen worden.
- In Großbritannien sind bei dem Orkan „Kyrill“ am Donnerstag mindestens fünf Menschen ums Leben gekommen, darunter der Direktor des Internationalen Flughafens von Birmingham; 26 Seeleute konnten bei einer dramatischen internationalen Rettungsaktion in Sicherheit gebracht werden.
- In den Niederlanden kamen zwei Menschen ums Leben: Auf einer Landstraße in der Nähe von Arnheim war ein vom Sturm umgewehter Baum auf ihr Auto gestürzt.
Und auch in Deutschland gibt es erste Todesopfer: In Bayern starben zwei Menschen, ein 18 Monate altes Kind in München und ein 73 Jahre alter Mann in Augsburg. In Baden-Württemberg wollte ein Autofahrer auf der Landstraße einem umfallenden Baum ausweichen und stieß dabei mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammen und starb noch am Unfallort.
Nur soviel ist klar: Das Sturmtief ist nicht nach dem orthodoxen Heiligen Kyrill von Alexandria benannt worden. Vielmehr ist Kyrill Genow der Namensgeber für das Orkantief, das über Deutschland hinwegzieht. Drei Kinder aus Neuenhagen bei Berlin haben ihrem Vater die Namenspatenschaft zu seinem 65. Geburtstag geschenkt. „Eigentlich sollte es ein Hochdruckgebiet werden, aber das gab es nicht mehr. Nun ist es ein Sturmtief geworden, und wir hoffen selber, dass wir glimpflich davonkommen“, so die Familie Genow. Die Namenspatenschaften für Hoch- und Tiefdruckgebiete werden vom Institut für Meteorologie der FU Berlin vermarktet. Ein Tief kostet 199 Euro, ein Hoch 299 Euro.
199 Euro. Eine Geldanlage, die sie niemals vergessen werden.
Ich würde den beschenkten Vater jetzt gern bedauern, aber ich muss los.
Verfasst am 18.01.07, 18:04 Uhr
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